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Diskussion über Seenotrettung in der Nikolaikirche

27.9.2022

v.l.: Markus Groda von der Organisation „Sarah“, die stellvertretende Siegener Bürgermeisterin Angela Jung, Michael Schwickart von „United4Rescue“ und Moderatorin Heike Dreisbach, Leiterin der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Siegen.
v.l.: Markus Groda von der Organisation „Sarah“, die stellvertretende Siegener Bürgermeisterin Angela Jung, Michael Schwickart von „United4Rescue“ und Moderatorin Heike Dreisbach, Leiterin der Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Siegen.

Ein Ungetüm aus schwarzem Kunststoff verdeckt am Sonntag die Stufen zum Altarraum in der Nikolaikirche. Eine Störung der gewohnten Ordnung, die gewollt ist: Denn in der Siegener Kirche ging es um die Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Wer schon mal auf einem größeren Schiff unterwegs war, konnte an den weißen Plastikkapseln neben dem Kunststoffgebildet unschwer erkennen, worum es sich dabei handelte: Eine Rettungsinsel, die zur Notausrüstung vieler Schiffe gehört und auch in der Seenotrettung zum Einsatz kommt. Nach einem thematischen Gottesdienst berichteten in einer Podiumsdiskussion in der Kirche Seenotretter eindrücklich aus ihrer praktischen Arbeit – und gaben Tipps, wie sich jeder Einzelne gegen das Sterben von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer engagieren kann. Eine Ausstellung mit 14 Postern über die Seenotrettung wurde begleitend im Eingangsbereich der Nikolaikirche aufgebaut und ist noch drei Wochen lang zu den Zeiten der offenen Kirche zu sehen: montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 12 Uhr und sonntags vor und nach den Gottesdiensten.

Gemeinde und Stadt unterstützen "United4Rescue"

Die Evangelische Lukas-Kirchengemeinde Siegen ist wie auch die Stadt Siegen Mitglied bei „United4Rescue“, einem Bündnis von hunderten gesellschaftlichen Organisationen und Kommunen, die die zivile Seenotrettung unterstützen. Michael Schwickart, der in der Nikolaikirche zu Gast war, hat nicht nur das Bündnis mitgegründet, sondern auch die Organisation „Sea-Watch“. Seitdem Italien 2014 die staatliche Seenotrettung für Flüchtlinge eingestellt hat, bewahrt „Sea-Watch“ mit seinen Schiffen Flüchtlinge vor dem Ertrinken, die mit ihren oftmals maroden und überfüllten Booten bei der Überfahrt von Afrika nach Europa in Seenot geraten sind.

Schockierende Szene im Mittelmeer

Schwickart war bei mehreren Rettungseinsätzen selbst dabei und berichtete auf der Podiumsdiskussion von berührenden und teils schockierenden Szenen: Wie ihm von einem Flüchtlingsboot aus ein dreijähriges Mädchen in den Arm gedrückt wurde zum Beispiel. Oder wie mehrere Menschen, darunter Kinder, in ihrem Flüchtlingsboot verdursteten, weil ihnen die vorbeifahrenden Schiffe die eigentlich verpflichtende Seenotrettung verwehrten. Markus Groda, Mitgründer der Organisation Sarah („Search and Rescue for all Humans“), die im kommenden Frühjahr mit der Seenotrettung vor den kanarischen Inseln beginnen will, berichtete, dass die Belastungen für die ehrenamtlichen Retter während der Einsätze selbst aber in den Hintergrund träten: „Man funktioniert und arbeitet als Team zusammen.“ Als belastender empfinde er die Rückkehr ins Arbeitsleben in Deutschland: mit scheinbar banalen Problemen konfrontiert zu sein, während einem das Leid der flüchtenden Menschen noch plastisch vor Augen stehe.

Michael Schwickart von "United4Rescue" im Gespräch mit Heike Dreisbach.
Michael Schwickart von "United4Rescue" im Gespräch mit Heike Dreisbach.

Schwickart berichtete auch vom Gegenwind, der den Seenotrettern begegne. „2015 wurden wir noch in Talkshows eingeladen und als Helden gefeiert, 2016 als Verbrecher bezeichnet“, berichtet der Aktivist. Der Vorwurf: Die Flüchtlingshelfer spielten Schleppern in die Karten. Die zunehmende Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung habe in den vergangenen Jahren etwa dazu geführt, dass Schiffe mit Flüchtlingen keine Einlaufgenehmigung für Häfen erhielten oder widerrechtlich durchsucht wurden. Trotzdem: „Wir dürfen die Menschen in ihrem Sterben und Elend nicht allein lassen“, betonte Schwickart. Seine Minimalforderung: Ein Ende der europäischen Unterstützung der libyschen Küstenwache, die regelmäßig Menschenrechtsverstöße begehe, und eine Aufnahme aller von deutschen Booten geretteten Flüchtlinge in Deutschland. Das sei eine vierstellige Zahl pro Jahr – „das darf uns nicht überfordern“, betonte Schwickart.

Jeder kann aktiv werden

Auch wer nicht selbst auf Rettungseinsetze fahren oder Geld spenden könne, könne die Seenotrettung unterstützen: „Informiert euch und andere, sprecht eure Abgeordneten an!“, rief der Seenotretter die Besucherinnen und Besucher in der Nikolaikirche auf. Die Stadt Siegen hat als Bündnisparter von „United4Rescue“ bereits gerettete Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufgenommen. Die stellvertretende Bürgermeisterin Angela Jung betonte: „Jeder kann schauen: Wo kann noch Wohnraum geschaffen werden, damit mehr Menschen aufgenommen werden können?“ In Siegen gebe es eine Willkommenskultur mit einem starken Netzwerk, sagte Jung. „Darauf bin ich stolz, das ist nicht in jeder Kommune so.“

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