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Predigt zum Kreiskirchentag  (Psalm 73, 23f)
im Eröffnungsgottesdienst am 20. Juni 2009
auf dem Platz des Unteren Schlosses in Siegen


 

Liebe Kreiskirchentagsgemeinde,

vor ungefähr einem Jahr wurde in der Wochenzeitung „Die ZEIT“ ein Gespräch mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz veröffentlicht.
Vielleicht habe ich mir dieses Gespräch deshalb ausgeschnitten und aufgehoben, weil Lenz da unter anderem von seiner Großmutter erzählt.
Von dieser alten Frau, die – wie eine meiner Großmütter auch – aus Ostpreußen stammte.
Ich komme – so Lenz – immer wieder auf meine Großmutter in Masuren zurück, die eine große Geschichtenerzählerin war. Sie nahm mich immer mit zur Kirche, wenn eine Hochzeit stattfand. Sie stand da, die alte Frau, angeleimt von Erwartung. Und wenn sich das Brautpaar zeigte, strich sie mir über den Kopf, deutete auf die beiden Menschen und sagte: „Jungchen, das geht nicht gut aus.“
(DIE ZEIT, 8.5.2008)

„Jungchen, das geht nicht gut aus“:
Diese erfahrungsgeschwängerten Worte der alten ostpreußischen Dame benennen eine Stimmung, die derzeit ihre Schatten über unsere Gesellschaft legt. Auch über unsere Kirche.
„Jungchen, das geht nicht gut aus.“
Wenn ich mich umhöre und umsehe; wenn ich die Zeitungen aufschlage, die Nachrichten einschalte oder das Gespräch mit Menschen suche, denen ihre Kirchengemeinde am Herzen liegt, dann könnte ich tatsächlich zu diesem Schluss kommen:
„Jungchen, das geht nicht gut aus.“
Mit unserer Erde nicht.
Mit unserm Land nicht.
Mit unserer Kirche nicht.
Und mit mir selbst – vermutlich auch nicht.

Wir feiern einen Kreiskirchentag.
„Trotz alledem.“
Ist das  nun so etwas wie jenes berühmte Pfeifen im Keller, mit dem wir uns trotzig (aber in Wirklichkeit doch eher ängstlich) selbst ein wenig Mut zu machen versuchen?
Inszenieren wir hier eine kleine Trotzphase, über die man milde und nachsichtig lächeln darf, weil sie ja wieder vergeht?
Oder – was gewiss das Bedenklichste wäre – zeugt diese Veranstaltung von einer Art christlicher Schwielen auf unsern Gemütern: So, dass vieles, was die Welt in Atem hält, gar nicht an uns herankommt, uns nicht im Innersten berührt. So, dass unser Glaube uns unempfindlich macht für alles, was das Leben auf dieser Erde verwundet und missachtet und mit Füßen tritt – Hauptsache, ich bin im Reinen mit meinem Gott?

Unser „Trotz alledem“ erhielte dann einen menschen- und weltverachtenden Klang.

Nein,
wir sind hier, weil wir die feste Verheißung haben:
„Jungchen, das geht gut aus!“

Jeder Gottesdienst, den wir feiern, beginnt „Im Namen Gottes, des Schöpfers …, der nicht loslässt das Werk seiner Hände.“

„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus!“

„Wir sollen, was immer geschieht, fest bleiben in dem Glauben, dass Gott, der uns einmal seine Liebe zugewandt hat, niemals aufhören wird, für uns zu sorgen“, sagt Johannes Calvin.

„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus!“

Zugegeben:
Solche Aussicht ist nicht – wie die der ostpreußischen Großmutter – aus der persönlichen Erfahrung abgeleitet;
sie entspricht nicht den Gesetzen irgendeiner Logik.
Auch kann man sie nicht dem Gerede der Leute ablauschen.

Sie trifft uns vielmehr und sie gilt uns als göttliche Verheißung.
Unverdient. Unerwartet.
„Trotz alledem.“

Weil Gott es in seinem ewigen Ratschluss so beschlossen hat.
Weil er es so vorhat mit uns, mit seiner Schöpfung.
Weil er es so will.

„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus“:
Dafür bürgt der Name, mit dem Gott sich uns Menschen vorgestellt hat.
Der Name, mit dem wir ihn anrufen und bei dem wir ihn behaften dürfen:
„Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde. Werde für euch da sein. Und darin mir treu bleiben.“

Davon hat der Mensch, an dessen Seite wir jenes uralte Gebet der Bibel beten, hautnah etwas erfahren:

Denn du hältst mich …
Denn du leitest mich …
Du nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Merken Sie:
Das sind Sätze, die lassen sich nicht demonstrativ sagen.
Die sperren sich dagegen, dass wir sie trotzig wie einen Schild vor uns her tragen:
Seht her – Gott hält mich!
Seht her – Gott leitet mich!
Und das Beste – er nimmt mich am Ende an. Ja, seht her – mit Ehren!

Nein, solche Erkenntnis – ich bin gehalten, geführt, angenommen – ist immer im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich. Zögernd nur, leise, zart und staunend bricht sie sich Bahn. Meistens erst im nachhinein.
Sie gehört ganz in den geschützten Raum zwischen Gott und Mensch.
Allenfalls verwundert stammelnd können wir das spüren und bekennen, im scheuen Gegenüber:
Ja, du bist es, Gott – du hältst mich, du leitest mich, du nimmst mich an – selbst dann noch und dann für immer, wenn alle mich loslassen müssen.

In dieser Erkenntnis liegt das Glück, dass wir im liebenden Blick Gottes viel besser aufgehoben sind als in unseren eigenen kritischen Augen; viel besser auch als im prüfenden Urteil der Menschen um uns herum.
Ein Glück ist das, von dem niemand verschont bleibt.
Jesus ist den Menschen mit diesem göttlichen Blick begegnet.
Auch denen, die sich nichts mehr für sich ausrechneten.
Die sich vollkommen verrannt hatten im Leben.
Verkorksten Existenzen.
Denen hatte er in der Kraft Gottes zu sagen:
„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus. Auch mit dir.“
Keinen einzigen dieser Menschen hat das unbewegt und unverändert gelassen.
Mit dieser unglaublichen Aussicht konnten und wollten sie nicht einfach weiter machen wie bisher.
Alles in ihrem Leben geriet in ein neues, hoffnungsvolles Licht.

Weil es dieses „Denn“ des liebenden göttlichen Blickes gibt;
weil das staunende stammelnde „Denn Du hältst mich“ als Antwort auf Gottes Blick nie verstummen wird – deshalb können und sollen wir es wagen, „Dennoch“ zu sagen, „trotz alledem“.

Dennoch bleibe ich stets an dir.

An Gott bleiben:
Das ist nicht einfach Ausharren und dankbar sein, dass zwischen Gott und mir alles gut ist.
Das ist nicht einfach, mich still und heimlich – möglicherweise auch lauthals –  an seiner Güte freuen, die mich unverdient trifft.
Das ist nicht: Das Schäfchen meines Seelenfriedens ins Trockene bringen.
An Gott bleiben – das ist keine Privatsache.
An Gott bleiben – wir könnten auch sagen: Fromm sein – das ist nie etwas gewesen, was der einzelne Mensch mit Gott allein ausmacht.

An Gott bleiben, fromm sein – das gehört nicht in einen abgetrennten Bereich unseres Lebens, dahin, wo der sonntägliche Gottesdienst seinen Ort hat und das Gebet im stillen Kämmerlein und der Kirchentag vielleicht – und womöglich noch eine Gruppe meiner Kirchengemeinde.
An Gott bleiben, fromm sein – das ist: Ganz da sein vor Gott.
Ganz – mit allem, was mich und mein Leben ausmacht. Mit allem, was ich tue und was mir widerfährt, was ich höre und sehe und fühle; mit allem, was ich genieße und woran ich leide; mit allem, wofür ich mich begeistere und wogegen ich mich empöre; mit allem, wofür ich Verantwortung trage, was meine tägliche Pflicht ist – und meine tägliche Lust und mein Vergnügen.

An Gott bleiben, fromm sein – das ist eine hoch politische, eine zutiefst weltliche Sache!
Es heißt:
In die Welt blicken und die Menschen lieb haben.
Es heißt: Die ganze Schöpfung als Schauplatz der Ehre Gottes verstehen.
Den Mund auftun für die Stummen, parteiisch sein für die Schwachen.
Bisweilen wird es heißen:
Unbequem werden, sich in den Weg stellen und „Nein“ sagen.
Es anders versuchen.
Um der Ehre Gottes willen, die nie ohne das Wohl der Menschen ist.

Wer an Gott bleibt, der kann nicht wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.
Denn:
Wer will, dass alles so bleibt, wie es ist, der will nicht, dass es bleibt.

Weil sie wollten, dass die Kirche bei ihrem Herrn bleibt, konnten die Reformatoren damals nicht alles so lassen, wie es war.

„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus“:
Diese Aussicht stellt nicht ruhig.
Im Gegenteil.
Sie macht uns Beine; sie beflügelt.
Sie versetzt in eine Unruhe, die nicht rast- und atemlos ist, sondern heilsam und auf ein lohnendes Ziel gerichtet.
„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus.“
Wenn es nach Gottes gültiger Verheißung gut ausgehen wird mit dieser Welt,
dann müssen wir nicht ergeben hinnehmen, was geschieht.
Es kommt nicht, wie es kommen muss – sondern es wird einmal so kommen, wie Gott es verheißen hat.
Nicht die Gier wird das letzte Wort behalten; nicht das Recht des Stärkeren; nicht die Stimme der Herrschsucht; nicht das Geld wird regieren; und nicht auf imponierende, strahlende, ewig junge Körper wird es letztlich ankommen.
Deshalb sind wir schon jetzt auf die Spur gesetzt, in Gottes Licht zu leben und uns in die Gestaltung der Welt einzumischen.
Widerständig.
Aufmüpfig.
Zuversichtlich.
„Trotz alledem.“

„Jungchen, Mädchen, das geht gut aus.“
Wenn es nach der gültigen Verheißung Jesu Christi gut ausgehen wird mit dieser Kirche, dann müssen wir nicht täglich um ihren Untergang fürchten.
Es wird nicht irgendwann Schluss mit der Kirche sein – sondern er, der Herr der Kirche, wird uns sammeln, schützen, erhalten und senden. Mitten hinein in die Welt. Zu denen, die anders sind. Unsere Nachbarn. Fremd. Und doch vom selben Schöpfer gemacht und geliebt wie wir.
Ja, es ist manches neu zu ordnen in der Kirche; wir müssen Abschied nehmen von Gewohntem, was uns lieb und vertraut war – und: Neues wächst; Konzentration auf das Wesentliche fördert neue Schätze zutage; Hören auf Gottes Wort eröffnet ungeahnte Wege in die Zukunft…

Dennoch bleibe ich stets an dir,
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand;
du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

„Jungchen, Mädchen – das geht gut aus!“  Trotz alledem.

Amen.

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Gottesdienstgemeinde

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