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500 Jahre Reformator Johannes Calvin
Wanderausstellung vom 17. bis 26. Juni
in der Martinikirche Siegen

Einführungsvortrag von Pfr. Ulrich Weiß weiter unten!


Zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin (1509-1564) wird eine Wanderausstellung in diesem Jahr in über 100 Kirchengemeinden und Institutionen in Deutschland, der Schweiz und Österreich gezeigt. Der Genfer Theologe, am 10. Juli 1509 geboren, gehört neben Martin Luther und Ulrich Zwingli zu den großen Reformatoren des 16. Jahrhunderts.

Im Kirchenkreis Siegen ist die Wanderausstellung anlässlich des Kreiskirchentages, der am 20. Juni 2009 am Unteren Schloss gefeiert wird, vom 17. bis 26. Juni in der Martinikirche Siegen zu sehen.

Gezeigt werden 14 Ausstellungstafeln. Sie behandeln biografische und inhaltliche Aspekte und bieten einen Überblick über die Wirkungsgeschichte. Die einzelnen Tafeln tragen die Überschriften: Kindheit und Studium Calvins, Durchbruch zur Reformation, Anfänge in Genf, Straßburger Lehrjahre, Neuordnung der Genfer Kirche, Die Institutio Calvins, Calvin als Briefeschreiber, Abendmahlsstreit, Prädestinationslehre, Der Prozess gegen Servet, Letzte Jahre und Tod, Widerstand und Demokratie, Wirkungsgeschichte, Calvinismus und Kapitalismus.

Die Bilder und Texte der Ausstellung nehmen nach Angaben der EKD die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf und zeichnen ein Bild des Genfer Reformators, der unter den Bedingungen des Exils für eine konsequente Reformation eintrat und seine Theologie auf die verfolgten und bedrängten Protestanten in Frankreich ausrichtete. Erstellt wurden die Tafeln von Achim Detmers, dem Calvin-Beauftragten von EKD und Reformiertem Bund.

Die Ausstellung ist werktags von 9 Uhr bis 12 Uhr und von 15 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Sondertermine für Gruppen sind nach Absprache möglich. Fachkundiges Personal wird die Ausstellung betreuen und steht für Rückfragen zur Verfügung. Ein Ausstellungsbesuch dauert etwa 45 Minuten und ist kostenlos. Weitere Materialien zu Johannes Calvin sind in der Ausstellung gegen geringe Entgelte erhältlich. Gruppen, die die Ausstellung besuchen möchten, können sich im Öffentlichkeitsreferat des Kirchenkreises Siegen anmelden: (Tel. 0271/5004-282 Frau Moisel (vormittags), 0271/5004-271 Herr Petri).
kp

 

Johannes Calvin und seine Wirkungsgeschichte im Siegerland und in Wittgenstein
Einführender Vortrag am 16. Juni 2009 in der Martinikirche Siegen zur Eröffnung der Calvin-Ausstellung

Johannes Calvin kommt aus einer anderen Welt als Martin Luther. Calvin kam aus der Welt eines biblischen Humanismus, der die junge französische Intelligenz anzog, die die Reform der Kirche suchte. Ihre Anhänger nannte man die „bibliens“. Wann Calvin  zu den „luthériens“ stieß, wissen wir nicht. In Deutschland wird er primär unter der Perspektive gesehen: zweite Generation der Reformation, zu systematisch, zu juristisch und gesetzlich, zu asketisch, auch zu theologisch und zu wenig menschlich, nicht nachahmenswerter workoholic. Er hat es in Deutschland schwer gehabt. Das war zu Luthers Zeiten so; das war in den Zeiten der Hoch-Orthodoxie so; das wurde im Pietismus nicht besser, der sich in den jungen Luther verliebte; das war im 19. Jahrhundert so, als das klassisch und idealistisch auftretende Deutschland, das schon durch antisemitische Untertöne grundiert war, nicht müde wurde, Luthers weltgeschichtliche Wirkung zu betonen; das war auch, das war vor allem im sich so nennenden Dritten Reich so. Die Deutschen verzeihen Luther alles, Calvin nichts. Stefan Zweig ist unter uns mit seiner Anklage Hitler als Calvin oder Calvin als Hitler.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass im Jahr 1909 die großen Kirchenhistoriker wie Karl Holl, Hans von Schubert, Paul Wernle, Basel, Karl Müller alle zum Calvin-Jubiläum ihren Beitrag geleistet haben. Der Vortrag des Lutherforschers Holl müsste heute noch einmal gehalten werden.
2009 ist nicht 1909. Es sind in diesem Jahr über Gebühr viele Calvin-Biographien erschienen. Sie stammen im Grunde  mit Ausnahme der leicht verständlichen von Calvin-Forschern. Dafür ist zu danken, wenn auch die leicht verständlichen Arbeiten in meinen Augen auch die problematischen sind. Gedankt sei Georg Plasger, dass er dieses nur von der Seitenzahl her schmale Buch zur Theologie Calvins geschrieben hat. Doch keiner unserer Lutherforscher hat seinen Handschuh in den Ring geworfen.
Die heutige kirchengeschichtliche Forschung agiert mit mikroskopischem Detailinteresse. Heiko Obermann wirft der deutschen Reformationsgeschichte im Jahr 2000 kurz vor seinem Tod vor – er ist April 2001 verstorben –, dass sie seit den fünfziger Jahren „auf den reformatorischen Durchbruch“ Luthers (Zwei Reformationen. Luther und Calvin – Alte und neue Welt, Berlin 2003, 148) reduziert worden sei. Diese punktuelle „lutherische Engführung“ (B. Möller) habe dazu geführt, dass Profanhistoriker sagen können: „Nicht der Inhalt der Botschaft [Luthers] war die entscheidende Kraft, die Luthers Bewegung zur deutschen Reformation machte“ (Obermann 149).
Zudem sei die allgemeine Geschichtsforschung auf die Suche nach langfristigen Prozessen in der Geschichte gegangen gegangen, um allgemeine Gesetzlichkeiten zu finden. Die Erforschung eines historischen Akteurs verzerre nur den Blickwinkel. Die Geschichte der kleinen Leute, nicht der großen Akteure wird untersucht. So sei nicht nur Calvin verschwunden, Luther auch. Es gibt gerade eine ausführliche Luther-Biographie, nämlich die von Martin Brecht – allerdings neben vorzüglichen Entwürfen zu Werk und Theologie des Reformators. Das haben wir bei Calvin alles noch vor uns.
Und dennoch war Calvin nach Luthers Tod und der offenbaren Schwäche der Evangelischen nach dem Schmalkaldischen Krieg zum anerkannten Sprecher des Protestantismus geworden und seine Wirkungsgeschichte wurde eine Erfolgsgeschichte, und zwar eine internationale. Luthers weltgeschichtliche Bedeutung, in unserem Land immer laut und selbstgewiss betont, ist möglicherweise zu sehr mit einer deutschen Sendung verknüpft worden. Nur noch wenige Reformationshistoriker unternehmen diese Sisyphusarbeit, Luther ins weltgeschichtliche Licht zu setzen.
[Um Calvin in der Schweiz steht es auch nicht viel besser. 50% der Schweizer kennen nicht einmal seinen Namen. Fragt sich, ob es um Zwingli besser steht. Wahrscheinlich ja. Ihn hat Luthers Gegnerschaft in der Schweiz nur gefördert. ]
Die 500Jahrfeier bietet die Chance, Calvin kennen zu lernen, ihn zu verstehen suchen, das mitgebrachte Vorverständnis zu revidieren. Die Ausstellung im Raum der  Martinikirche stellt Calvin vor, nicht ich. Ich werde mich – wie angekündigt - in der kommenden halben Stunde auf unseren regionalen Raum beschränken, um Calvins Einfluss hier zu suchen und zu finden.
Für unseren Raum, und damit meine ich nicht nur Nassau, also das Gebiet diesseits und jenseits der Kalteiche, sondern auch Wittgenstein, für unseren Raum sind zwei andere Gedenktage in diesem Jahr ebenfalls bedeutsam, einmal wurde pünktlich zum 75. Geburtstag Calvins am 10. Juli 1584 in Delft Wilhelm von Oranien ermordet und im Spätherbst dieses Jahres nahm in Herborn die ursprünglich für Siegen geplante Hohe Schule nach Genfer und Straßburger Vorbild ihren Vorlesungsbetrieb auf.
Wilhelm von Oranien – dieser Name ist Signal für den Übergang Nassaus sprich des Siegerlandes zum Calvinísmus. Er, souveräner Fürst von Oranien, zog seine Familie mit in den Kampf um die Freiheit der Niederlande hinein. Drei Brüder büßten mit dem Leben, sein nächstjüngerer Bruder Johann VI., Statthalter von Geldern und 1579 Begründer der Union von Utrecht, dem Kern der heutigen Niederlande, sah, was sein Bruder Wilhelm sah und beeinflusste. Sie sahen: Nur die Hugenotten und die reformierte Kurpfalz unterstützten den niederländischen Freiheitskampf. Und in den Niederlanden konnte sich Wilhelm, wenn es hart auf hart ging, schließlich nur auf die Calvinisten verlassen. 3% der Bevölkerung betrug ihre Zahl beim Tode Wilhelm des Schweigers. Die Zahl der „Liebhaber“, zu denen wohl auch der Schweiger gehörte, war natürlich größer (Moerke). Der Calvinismus war in die südlichen Niederlande bei gleicher französischen Sprache in der Wallonie eingesickert und hatte Calvins  städtische Kirchenordnung umgerüstet auf verfolgte, heimliche Gemeinden, die sich gesellschaftlich gegenläufig entwickelten und auch so leben mussten.
Schon 1572 hatte Johann VI. Niederländern das Siegener Schloss für reformierte Gottesdienste zur Verfügung gestellt. Im selben Jahr ließ er, die Absage an den Satan durch den Säugling bei dessen Taufe, abschaffen.  Der Siegener Superintendent Bernhardi, den die Siegener Suppenverdiener nannten, musste sein Ränzel schnüren. Er hatte vor den spanisch-niederländischen Verwicklungen gewarnt als einem „calvinisch[en] werk“, in dem alle „erschlagen“ und auch nicht zurück kehren würden. Wie recht er hatte im Blick auf das oranische „Familienunternehmen“! Der Suppenfreund Bernhardi wurde wegen Trunksucht entlassen. Am 21. Juli 1577 nahm Johann VI. an einem reformierten Abendmahl teil, dh er aß Brot statt Hostien im Abendmahl. 1578 wurde das reformierte, nassauische Bekenntnis Pezels auf einer Synode angenommen, 1581 kam der Heidelberger Katechismus in Gebrauch. 1582 wurden Presbyterien beschlossen. Das ging wirklich Schlag auf Schlag.
In Wittgenstein kam es nicht sofort zu dieser Calvinisierung, sondern in den Kirchenordnungen von 1563 finden wir eher den Geist Bullingers, dem Nachfolger Zwinglis in Zürich. Doch der Abschnitt von der „Ausschließung“ (1563) bzw. „Von der Kirchen Zucht und Straffe“ (1565) handelt von der Aufgabe des Pfarrers und der Ältesten mit der Ausschließung aus der „christlichen Gemeinschaft“ atmet den Geist Bucers bzw. Calvins. Erstaunlich milde übrigens im Abschnitt über die Taufe (1565): Wegen der Taufe und der Paten soll es bei den unehelichen Kindern „wie mit Ehekindern gehalten werden“.   Der Ruck in Richtung Calvin brachte erst die Vertreibung Olevians und seines Gönners des Grafen Ludwig aus der lutherisch geworden Kurpfalz. 1574 wurde Olevian auf Schloss Berleburg aufgenommen.
Herbst 1584 wurde die Hohe Schule Herborn eröffnet. Spiritus rector der Planung war nun eben dieser aus Trier stammende Calvinschüler und erste Rektor Caspar Olevianus, Prinzenerzieher am Hofe Ludwigs d. Älteren, Schwiegersohn Johanns VI. Beide Grafen müssen wir eng beieinander sehen. Sie waren eines Geistes und beide gleich tatkräftig. Beide, vor allem aber Ludwig, hatten internationale Beziehungen und Weitsicht. Ludwig korrespondierte sowohl mit dem Zürcher Bullinger wie mit Calvins Nachfolger Beza in Lateinisch.
Gedacht war als urpünglicher Schulort Siegen, aber wegen rauen Wetters, befürchteter Renitenz der Bürgerschaft und wegen zu teueren Preisen plädierte der Graf schließlich für Herborn. Allerdings war zweimal kurz vor und kurz nach 1600 die Hochschule in Siegen zu Gast wegen der Pest. Die berühmt-berüchtige Herbornische Bibel, lutherischerseits auch als „Gott-straf-mich-Bibel verleumdet, wurde von dem Calvinisten Johannes Piscator in Siegen im Oberen Schloss übersetzt. Der Graf zog sie wegen der starken Kritik aus dem Verkehr. In Bern war sie bis 1848 Staatsbibel. 1586 kam es zu einem epochalen Ereignis. In Herborn fand eine überregionale Synode statt: Nassau, Solms, Wied und Wittgenstein beschlossen eine gemeinsame Kirchenordnung für ihre Landeskirchen. Der presbyterial-synodale Aufbau dieser Landeskirchen war beschlossen. Was gesellschaftlich gegenläufig als realisierbar erprobt war, hatte nun seine Bewährungsprobe in den deutschen Landeskirchen noch vor sich. Um es gleich zu sagen, diese Ordnung überstand den Dreißigjährigen Krieg nicht. Schon während dieses Krieges geriet Nassau-Siegen in die konfessionellen Auseinandersetzungen. Zwei Drittel der Siegerlandes konnte in diesen auch gelegentlich blutigen Konflikten seine Haut als reformierte retten. Das dem katholisch gewordenen Johann VIII. zuteil gewordene Erbdrittel nennen wir bis heute das Johannland, meinen damit aber nur das scheinbar katholische Netpher Land.
Spätestens ab 1743 waren alle nassauischen Länder in einer Hand vereinigt, nämlich unter der des niederländischen Erbstatthalters in Den Haag, wie so oft: eines Prince Wilhelm. Kirchlich bedeutete dies: Direktiven für ein inzwischen episkopal verstandenes Kirchenregiment kamen aus Dillenburg. Letzte Instanz war Den Haag. Die Dillenburger Regierung war aufklärerisch gesinnt und die Hohe Schule tendierte durch mit einzelnen Dozenten in diese Richtung. Die Regierung wünschte einen neuen, besseren Katechismus. Sie hielt den Heidelberger für überholt. Die Pastoren dachten weitgehend auch im Geist der Aufklärung. Kleine pietistische Inseln hatten sich gebildet. In den französischen Jahren von 1803 bis 1813 sammelte sich auf grund der endzeitlichen Schriften Jung-Stillings in Siegerland, der sich als  „Missionarius in der Aufklärung“ verstand, eine informelle Lesegemeinde um denselben. Er hat das Aufkommen des Tausendjährigen Reiches Zeit auf 1816 plus ein paar Jahre prognostiziert. Diesen Termin durfte oder musste er um ein Jahr überleben.
Als dann die Preußen kamen, ging es wirtschaftlich aufwärts. Geistig und geistlich befiel Mehltau das Land. Die Siegener Gemeinden, die sich nach 1817 mit sich selbst unierten, schlugen aus ihrer Union kein geistliches Kapital. Das geistliche Leben aber, was neu durch die Erweckung entstand, wurde niedergehalten. Das Faktum Preußen beendete die Beziehungen zu den Niederlanden. Bis dahin hatte es bei uns ja ein Niederländisches Flair gegeben. In den Niederlanden wurde studiert. Da bestanden Handelsbeziehungen. Da war der geistige Einfluss Ein Drittel aller Herborner Professoren hatte in den letzten achtzig Jahren  der Hochschule in den Niederlanden studiert. Dort waren nas. Pastoren Militärgeistliche. Es wurden niederländische Erbauungsbücher gelesen. Auch der Weg ins klevische Duisburg oder nach Bremen war versperrt, weil dies Lehranstalten aufgehoben waren.
Die 1822 in Freudenberg beginnende Erweckung hatte einen schweren Weg vor sich. Sie profitierte von Einwirkungen herrnhutischer und niederrheinisch-reformierter Herkunft. Tillmann Siebel hatte sein Größtes aus der Erwählungslehre G.D. Krummachers  übernommen. Er formulierte diese selbständig nicht als Zitat. In Freudenberg wurde Calvin gelesen. Von  Freudenberg aus spaltete sich die Erweckung in einen reformierten und einen mystischen Zweig wegen der Aneignung der Gnade. Der Erweckung verdanken wir auch das Come back des Heidelberger Katechismus in allen Gemeinden des Kirchenkreises. Schon Ende der fünfziger Jahre hatte eine Gruppe Siegen-Wittgensteinscher Pfarrer unter Federführung von Sup. Winckel in Berleburg den Heidelberger neu bearbeitet und herausgegeben. Überhaupt, auf  dem Weg ins 20. Jahrhundert tauchen als Pastoren Reformierte in dem Sinn auf, dass sie in reformierter Theologie beschlagen waren. Die Theologie Karl Barths veränderte dann nach dem ersten Weltkrieg das Bild schlagartig. Ab Mitte der zwanziger Jahre erschien bis in den Kirchenkampf hinein das Wochenblatt „Das reformierte Siegerland“. Wenn ich einmal an Siegen denke, dann waren nach dem zweiten Weltkrieg bis auf  einen alle Pastoren Anhänger Barths, wenigstens des Heidelberger Katechismus. Auch Calvin wurde selbstredend wieder gelesen. Calvin und Themen zur reformierten Theologie  tauchten in der evangelischen Akademikerarbeit auf. 1964 gab es eine Reihe von Calvin Vorträgen zum 400 Todestag. 1963 hieß es 400 Jahre Heidelberger. Da ist meine lutherische Mutter hingegangen. Doch: offensichtlich hat man sich zu Tode gesiegt. Es gab einen kräftigen reformierten Abgesang in der Debatte um die Raketennachrüstung. Das Nein ohne jedes Ja des reformierten Bundes fand viele Anhänger. Man sprach von der Königsherrschaft Jesu Christi und verstand sie als reformiertes Erbe gegen die lutherische Zweireichelehre. Und nun sammeln wir die Scherben und sagen: Trotzdem. Wie viele Gemeinden gehören noch zum Reformierten Bund?

Ich möchte danach fragen: Was ist denn nun herausgekommen bei dieser Reformation von oben am Ende des 16. Jahrhunderts? Konnten Gedanken Calvins bei uns Fuß fassen? Einwurzeln? Lebten sie unabhängig vom Diktierten? Ich spreche nur zu drei Gesichtspunkten.

1) Zum Leben der Kirche

1586 wurde als 60., letzter Artikel, vielleicht Höhepunkt der Herborner Ordnung erklärt:
Keine Kirche, kein Diener, kein Ältester, kein Diakon hat einen Primat gegenüber den anderen.
Dieser Satz hatte Vorgänger. 1571 hieß es wortwörtlich so auf der niederländischen Flüchtlingssynode in Emden mit anschließender Vermahnung: Sie sollen auch allen Anschein eines solchen Primates meiden. Diese Verfassungsbestimmung ist eine der schönsten Früchte der Calvinischen Auftragsverfassung der Kirche. Und vielleicht haben Sie die Modernität insofern gespürt, als die vierte These der Barmer Synode vom 29.-31. Mai 1934 – nur 75 Jahre zurück, noch ein Jubiläum – in diesem Geist formuliert: Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.
Das ist Herborn 1586 oder Dillenburg 1582 in Reinkultur. Hier wurde Flagge gezeigt. Der Autor Karl Barth kannte natürlich über seine deutschen Freunde wie Wilhelm Goeters oder Hermann Albert Hesse die kirchengeschichtlichen Vorbilder. Sie wurden innerhalb des Reformierten Bundes ja hoch gehalten. 
Die Siegerländer haben das presbyteriale Erbe aus der oranischen in die preußische Zeit hineingerettet. Sie waren aber nicht die Protagonisten in Preußen bei der Einführung der presbyterial-synodalen Ordnung in Rheinland und Westfalen gewesen, aber sie wurden ihre begeisterten Nutznießer. Da ist auch das blaue Blut der Erweckung eingeströmt. Zum Ärger mancher Pastoren und vieler Zugezogenen fühlen sich hier viele Siegerländer und Männer in ihrem Element. Dass sie hier in einem lebendigen reformierten Erbe stehen, wissen sie allerdings oft genug nicht. Mir wurde immer wieder von Kollegen gesagt: Bruder Weiß, Sie schwärmen. Aber ich habe guten Grund, meine positiven Erfahrungen nicht mit meiner Emeritierung zu widerrufen.

2) Katechismus und  Schule oder „Der Calvinist weiß, was er glaubt und woran er glaubt“ (Karl Holl, Calvin 1909)

Das ist die hochgemute Formulierung eines Mannes, der die Grundlagen für die  Lutherrenaissance des vorigen Jahrhunderts schuf. Es ist anzunehmen, dass er genau wusste, wovon er redete.
Dass eine Aussage wie die von Karl Holl möglich wurde, daran hat Calvin Zeit seines Lebens gearbeitet. Als Heilmittel schlechthin gegen Unwissenheit und Schwarmgeist galt ihm der Katechismus. Er selbst hat für Genf zwei entworfen. Mit den 387 Fragen und Antworten des zweiten von 1541 dürfte auch die Abendmahlsvorbereitung der Jugendlichen getrieben worden sein, die zum Bekenntnis führte. Ich bezweifele, dass die Antworten auswendig gelernt wurden. Calvin schrieb am 22. Oktober 1548 dem Vormund des englischen Königs Eduard VI, dem Herzog von Somerset:
Glauben Sie mir, Monseigneur, die Kirche Gottes kann sich nie halten ohne Katechismus, denn dieser ist gleichsam der Same, der verhindert, daß die gute Saat nie ausstirbt, sondern sich mehrt von Geschlecht zu Geschlecht. Deshalb,, wenn Sie einen Bau ausführen wollen, der von langer Dauer ist und nicht bald in Zerfall gerät, so sorgen Sie dafür, daß die Kinder unterrichtet werden nach einem guten Katechismus, der ihnen kurz und ihrem kindlichen Verständnis entsprechend zeigt, wo das wahre Christentum liegt. Dieser Katechismus wird zu einem doppelten Gebrauch nützlich sein, nämlich um alles Volk zu lehren, damit es von der Predigt Nutzen hat und es auch unterscheiden kann, wenn irgendein ein eingebildeter Mensch eine fremde Lehre vorbrächte ...“ (Schwarz I S. 323). Nach Calvin muss ein Katechismus so gut sein, dass die Pfarrer auf ihn verpflichtet werden können. So bringt er vor Ort die Einheit der Kirche mit sich und zügelt den Neuerungswahn der Menschen. Er „muß für solche Leute der Katechismus als Zügel dienen“ (aaO).
Der Katechismus ist ein Bildungsfaktor ersten Ranges gewesen. Damit haben sich die Lehrer in die nassauischen Schulen abgequält. Den Junglehrer Jung-Stilling hat sein „modernistischer“ Katechismusunterricht sogar seine Stelle in Dreis-Tiefenbach gekostet. Immer auf der Suche nach neuen Unterrichtsmethoden verwandelte er die 129 Fragen und Antworten in ein Kartenspiel. Jedes Kind musste die Frage lernen, die es gezogen hatte. Also: Schwarzer Peter mit dem Heidelberger. Die Kinder waren  begeistert, die Eltern nicht: Er bringt unseren Kindern das Kartenspiel bei. Er musste seinen Dienst quittieren. Wir können übrigens davon ausgehen, dass in diesem für uns ziemlich dunklen, da unerforschten 18. Jahrhundert die meisten Menschen lesen und schreiben konnten. Bei den bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erhaltenen Visitationsprotokollen ist ein fester Tagesordnungspunkt immer die Schule.
Ich habe die Presbyter aus jener Zeit der Barth- und Katechismusanhänger ikn einer von mir als ziemlich lang veranschlagten Nachkriegszeit erlebt. 1975 auf der Visitation war ich, von Hohenlimburg aus einer wirklich anderen Welt kommend, verblüfft, als beim Siegerländer Küstertreffen, deren Obmann am Ende seiner Andacht den Katechismus aufschlug und mit einer gezielt gesuchten Frage und Antwort  seine Andacht beendete. Als Siegener Pastor erlebte ich das anfangs  von Presbytern aus den unterschiedlichsten Gemeinden genauso. Daraus schließe ich, dass der Heidelberger nun doch mehr war, als nur Bildungsgut. Er war internalisiert worden.
[Presbyter Achenbach auf dem Giersberg las Institutio und kam uns mit Zwingli!.]
Im übrigen, äußert sich ja der Katechismus in Frage 103 ausdrücklich zu den Bildungsaufgaben der Kirche, wenn er sagt: Gott will, dass das Predigtamt und die Schulen erhalten bleiben. Glauben braucht Bildung und er bildet. Bei den Gründungsvätern des Evangelischen Gymnasiums wird dies eine erhebliche Rolle gespielt haben. Sie wollten Bildung aus dem Geist des Evangeliums. Im Blick auf meinen daran beteiligten Vorgänger Steup bin ich mir ganz sicher. Er wird auch mit dem Katechismus argumentiert haben. Und bei der Forderung an die  Landesregierung,  eine Pädagogische Hochschule im Siegerland einzurichten, haben Sup. Ernst Achenbach sen., Niederschelden  und Adolf Schmidt, Dreis-Tiefenbach aus demselben Geist gehandelt. Im übrigen stand man damit ja in einer guten Tradition, nämlich der des Calvin-Schülers Olevian, der die Gründung der Hohen Schule mit den beiden Landesherren Nassau und Wittgenstein betrieben hatte.
Eines hatten die Gründungsväter welches Jahrhunderts auch immer. Sie hatten Mut, sich an eine notwendige Aufgabe heranzumachen. Sie resignierten nicht. Vivant sequentes!

3. Erwählung und Reichtum
 
Wie steht es mit den Prädestinationslehre im Siegerland, einem Musterland frommer Unternehmer. Der von mir geliebte Heidelberger Katechismus lehrt die doppelte Prädestination, erwählt oder verworfen vor Grundlegung der Welt, nicht. Und das war zweifelsohne Absicht. Und hätte Calvin laut Kritik geäußert, hätte er dieses Fehlen bemängelt. Der Heidelberger setzte wie viele andere der Reformierten z.Zt. Calvins [z.B, Bullinger] die Erwählung in Christus voraus. Auch Calvin konnte ganz seelsorglich von der Erwählung in Christus, der der Spiegel der Erwählung ist, sprechen. So tut er es übrigens in seiner noch nach der Institutio von 1559 nämlich 1562 veröffentlichen Predigt „Von der ewigen Gnadenwahl Gottes“, die er 11 Jahre zuvor mitten im Genfer Prädestinationsstreit gehalten hatte. Diese Predigt sollte wohl seinerseits ein  letztes abschließendes, vielleicht auch begütigendes Wort sein.
Im Raum Freudenberg ist in den Versammlungen die göttliche Gnadenwahl intensiv betont worden. Die Mystiker separierten sich zeitweilig von dieser Verankerung des Heils an höchster Stelle. Sie gründelten mehr in den Abgründen der Seele.
Einer der Männer der Bekennenden Kirche, Hermann Barth, bewarb sich vor dem dritten Reich um eine Pfarrstelle in Oberfischbach. Die Presbyter fragten ihn, was er den von der „Wahl“ hielte. Er verweigerte erst einmal die Antwort, da er angesichts der bevorstehenden Reichstagswahl sich nur wunderte: Was geht  denn die Presbyter an, wem ich bei der Wahl meine Stimme gebe? Wir haben doch Wahlgeheimnis. Beim zweiten Gespräch begriff er, dass es um seine Meinung zur göttlichen Gnadenwahl ginge. Und dann wurde ihm auch klar, dass von den Oberfischbacher Presbytern gerade dann von der ewigen Erwählung gesprochen wurde, wenn ihnen eine unkeusche Glaubensforderung begegnete: du musst etwas erlebt haben oder du bist noch nicht gläubig genug. Du musst auf Erfahrungen zurückgreifen können.
Und immer dann sei als die große Befreiung verkündigt worden, dass Gott den Sünder rechtfertige, dass dessen Heil nicht an seiner Entscheidung hänge. Presbyter Ising habe ihm erklärt: „Dä grouße Gott. Mein Glaube. Ich habe keinen Glauben. Gott ist mein Glaube“.
Das ist indirekt  auch ein Beitrag zu Max Weber, der ja auch auf eine Erfahrung rekurriert.
Im Zweifelsfalle also: „Dä grouße Gott“.
Aber wie steht es nun mit dem Verhältnis von Prädestination und Kapitalismus oder wirtschaftlichem Erfolg?
Ich beziehe mich auf die sogenannte Max-Weber-These, erstmals formuliert 1904/5 in der Aufsatzfolge: über den  „Geist des Kapitalismus“ und die „Berufsethik des asketischen Protestantismus“. Max Webers These besteht ja in der Behauptung bzw. in seinem versuchten Nachweis, dass die calvinistischen Gläubigen in einen Prädestinationszweifel hineingekommen seien: ob sie erwählt oder verworfen worden sind. Und sie hätten ihren Zweifel niedergeschlagen oder beendigt, indem sie ihre Erwählung durch ihre Arbeit, durch den Erfolg der Arbeit und durch das Reichwerden „bewährt“ hätten. So habe die Prädestinationsangst erheblich zum Geist des Kapitalismus, dem rastlos schaffenden, asketisch lebenden Unternehmer beigetragen, der übrigens seine Geld nicht zum Genuss desselben zB einer Urlaubsreise dem Betrieb entnommen, sondern zu neuem Investieren genutzt habe. Karl Wilhelm Dahm spricht von der „Siegerlandmentalität“. Das ist ein Blattschuss in den Freien Grund.
Es bedarf wirklich keiner Diskussion!  Calvin war weder ein Kapitalist noch war er einer der Väter oder gar der Vater des Kapitalismus. Kapitalismus gab es vor, neben und nach ihm. Ist damit Max Weber erledigt? Die von ihm gefundene bzw. erfundene Prädestinationsangst bei denen, die  erfolgreich wirtschaften und handeln, ist ein geistvolles Konstrukt. Calvin rät wie gesagt ganz simpel: Blicke in Gottes Spiegel. Dann siehst Du Christus. Christus ist Gottes Erbarmen. Punkt. Aber: Weber sprach von Calvins Schülern, den Calvinisten,  bzw. ihnen gleich geachteten Bewegungen: Von den Täufern, Puritanern, den Quäkern, Methodisten, den Herrnhutern, den Pietisten, den Unitariern. Das ist ein Sammelsurium des Ungleichzeitigen und Ungleichartigen. Einer meiner Freunde hört sich immer lange diese meine Argumentation an, dass in Calvins Wirtschaftsgesinnung die Besitzvermehrung eine geringe, der Eigennutz gar keine, um so mehr aber die eigene Lebenssicherung und die Nächstenliebe eine Rolle spielt -  und dann fragt er: Und wie kommt es, dass bei uns im Siegerland die Reichen die Frommen oder die Frommen die Reichen sind? Dieses Phänomen ist nun wiederum nicht zu bestreiten bzw. vorsichtiger formuliert: dieses Phänomen hat es einmal gegeben. Ich antworte in der Regel zögernd: aus den Frommen werden Reiche.
Etwas ist an Webers These dran, nur was? Ich möchte die Frage mit dem längst verstorbenen reformierten Wiener Theologen Josef Bohatec beantworten, und zwar mit einem Aspekt der Rechtfertigungslehre. Der im Glauben durch Christus Gerechtfertigte will Christus leben. Dieser ist auch unsere Heiligung. In der Heiligung geht es unter anderem mit einem Wort Jesu um die Selbstverleugnung oder auch die Absterbung des Fleisches. Ich kann auch von der Nachfolge sprechen. Wer damit befasst ist, schlägt oft einen asketischen Weg, den der innerweltliche Askese, ein. Er hat keine Zeit für zeit- und geldaufwendiges Vergnügen außerhalb der Gemeinde. Ihm bleibt nichts anders übrig als zu arbeiten und Geld zu akkumulieren. Er wird, ohne es zu wollen, reich. Das kann er dann Segen Gottes nennen. Diese These von der „Verleugnung seiner selbst“ hätte den großen Vorteil, dass auch Gebiete wie Schwaben, das ja nun vom Calvinismus unberührt ist, aber doch mit frommen Erfindern, tüftelnden Pastoren und gelegentlich reich werdenden Christen gesegnet ist, mit ins Boot genommen werden können. Unter dieser Voraussetzung schließe ich mich Staedtke an: Gemeinsam mit der christlichen Erkenntnis, dass der Reichtum Segen und Besitz sozialpflichtig ist, führte die „disziplinierte Arbeit [der Calvinisten] verbunden mit der sozia(98)len Aktivität als praktizierter Nächstenliebe ... den calvinistischen Ländern eine wirtschaftliche Blüte ohnegleichen“ herbei. (Staedtke 98f.).
Ich schließe mit Worten Calvins zu seiner Auslegung des Propheten Daniel: Gib uns, allmächtiger Gott, solange wir in dieser Welt auf der Pilgerschaft sein müssen, daß wir nach der Schwäche unseres Fleisches so mit Speise und Trank versorgt werden, daß wir nimmermehr verderben… Laß uns aber auch nie und nimmer von der rechten Bescheidenheit abkommen, sondern vielmehr den Überfluss so zu brauchen wissen, daß wir, wenn wir auch an allem genug haben, dennoch uns enthalten. Laß uns auch Mangel und Hunger geduldig ertragen und Essen und Trinken in solcher Freiheit üben, daß uns allezeit deines Namens Ehre vor Augen stehe und wir hier ein bescheidenes Leben führen, auf daß wir nach jenem Sattwerden trachten, das uns volle Erquickung schafft, nämlich danach trachten, daß uns einst die Herrlichkeit deines Angesichts im Himmel erscheine, durch Jesum Christum, unseren Herrn. Amen.

Pfarrer Ulrich Weiß

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





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