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CSD-Gottesdienst 2019 "Nicht mehr Schweigen"

am 26. Juli 2019 in der Martinikirche in Siegen

 

Text: Markus 7, 31 – 37: Die Heilung eines Taubstummen

 

Liebe Mitfeiernde im Gottesdienst,

„Nicht mehr schweigen!“

Das Motto steht über den 20 Jahren CSD in Siegen. Man könnte es auch anders formulieren: „Nicht mehr zum Schweigen verurteilt sein wollen!“ Also öffentlich zu dem stehen zu können, was wirklich ist, endlich nicht mehr sich und anderen etwas vormachen müssen, endlich zu sich selbst stehen zu können und eben nicht mehr in einer parallelen Welt von Heimlichkeiten und Unehrlichkeiten leben müssen! Nicht mehr allein mit den eigenen Empfindungen und Gefühlen bleiben müssen, also mit der Realität leben können, die ich nicht ändern kann. Einen Menschen zu lieben des eigenen Geschlechtes, und zwar ganz. Dass es noch immer ein schmerzhafter Prozess ist, zu dieser eigenen Realität zu finden und diese eben nicht mehr verschweigen zu müssen, das liegt immer noch an unserer Umgebung. Es liegt an unseren Gewohnheiten, an der Diskriminierung von gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen, die sogar bis zur Androhung von körperlicher Gewalt geht. Solche Gewalt bedient sich aus dem Sprachregal des Rechtsextremismus. Unter der Hand scheint diese sprachliche Gewalt durchaus auch wieder gesellschaftsfähig zu sein. Bei uns jedoch nicht! Diejenigen, die homosexuelle Menschen erst mit rosa Winkeln markiert haben, um sie alsdann ins Gas zu schicken, bekommen heute keinen Raum und keinen Einfluss! In der Kirche stehen wir an Ihrer Seite, die Sie eine Liebe ausleben möchten, welche auf Verlässlichkeit, Vertrauen und Dauerhaftigkeit gebaut ist.

Nicht mehr schweigen müssen, da sollten wir alle dazu beitragen. Egal ob wir selbst betroffen sind oder ob wir uns wie gerade eben die persönliche Schilderung eines Betroffenen unter die Haut gehen lassen. Dem wollen wir außerdem eine biblische Verstärkung und Bekräftigung, um nicht zu sagen eine biblische Verheißung zur Seite stellen. Dem Schweigen also ein Ende machen.

Ich weiß, dass an dieser Stelle manch einer nicht mehr mitgehen möchte. Ich weiß, dass es an dieser Stelle für manchen Glaubenden in unseren Gemeinden eine starke Gewissensbelastung bedeutet, Homosexualität anzuerkennen. Manch einer gerät hier in starke innere Konflikte, weil er oder sie - wie wir alle -  mit Ernst Christen sein wollen. Und da scheint die Biebel ja ein unmissverständliches Urteil zu fällen, das sogar ein Gottesurteil zu sein scheint.  Es ist dann sehr schnell gesagt, dass die Bibel die gleichgeschlechtliche Liebe als Sünde verurteilt. Die Verse, die ausdrücklich von praktizierter Homosexualität handeln, stammen jedoch aus unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie verurteilen, wenn ich es recht verstehe, vor allen Dingen eines: eine Sexualpraxis, die den anderen zum Objekt der eigenen Lust degradiert. Aber gerade darum geht es ja jemandem eben nicht, der sich danach sehnt, das eigene Leben mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zu teilen und zugleich miteinander den Glauben an Gott zu praktizieren: zu beten, die Bibel zu lesen, sich in der Nachfolge Jesu einzuüben. Er will den Anderen als sein geliebtes - von Gott geliebtes - Gegenüber wahrnehmen.  Er will herauskommen aus dem Kerker des einsamen Schweigens über das, was eben ist. Der Schriftsteller Erich Fried hat, wie ich finde, Recht mit seinem Gedicht: „Es ist, was es ist, sagt die Liebe!“ Auf dieser Spur wollen wir uns Ermutigung holen in der Bibel, also aus jenem Buch, das keine konstruktive Beschreibung einer gleichgeschlechtlichen Liebe kennt, wie sie betroffene Menschen heute suchen. Dennoch kann die Bibel uns ermutigen mit anderen Geschichten. Dazu  werden wir fündig in der Schilderung eines Menschen, der ohne Jesus zu einem dauerhaften Schweigen verurteilt gewesen wäre. Er ist ein wirklich taubstummer Mensch (Markus 7, 31 – 37). Lese ich die Geschichte in ihren vielen Facetten, so ist seine Heilung aber mehr als nur ein logopädisches Wunder, es geht in ihr nicht um eine neurologische Revolution, wir werden nicht zum Zeugen einer außergewöhnlichen HNO-Behandlung. Die Geschichte ragt so oder so über sich hinaus, auch in unsere Welt als Hörende und Sprechende. Sie ist symbolisch angelegt und nur symbolisch zu lesen. Es geht in ihr gerade nicht um Sexualität. Es geht – wie bei jedem Coming-out – gerade um sehr viel mehr. Es geht um Identität! Eine Identität, die vor der Begegnung mit Christus verkümmern müsste und um ein Haar auch verkümmert geblieben wäre. Wäre der Taubstumme Jesus nicht begegnet, so bliebe er ein geschlossen in seiner stillen geräuschlosen, sprachlosen Welt. Aber  in dieser Begegnung mit dem Heiland will etwas geboren werden, will etwas an die Öffentlichkeit und da geht es ums Ganze! Symbolisch ist schon der Ort, an dem Heilung geschieht: sie spielt im Gebiet der 10 Städte, also draußen vor der Tür der heiligen Stadt Jerusalem quasi. Diese Gegend ist eine No-go-Area für die Frommen, eine Art Infektionsgefahrenzone für die Rechtschaffen. Dahin geht man eben nicht, wenn man sich fromm und redlich hält. Und doch: Jesus eben doch! Allein schon, dass er rausgeht aufs fremde Gebiet, allein schon darin liegt für mich Evangelium, also frohe Botschaft. Er trägt Gott an vermeintlich gottfreie Orte, Gottes Begegnung geschieht oft an gefühlt unheiliger Stelle. Und er selbst mittendrin ist für uns alle der Gottesnahbringer in unser unheiliges Leben. Und diese Orte füllt er mit Gott an, er heiligt sie mit seiner Gegenwart! Es geschieht Befreiung in der Begegnung mit Gott. Da tritt Jesus in die Stille der einsamen Welt des zum Schweigen Ururteilten. Und was macht er? Er schweigt zunächst mit ihm. Es fällt kein Wort und trotzdem geschieht ein Gespräch auf andere Art: stumm und intensiv. Er berührt den Wortlosen. Dabei zeigt er selbst keine Berührungsangst, er ist voll da an dem Ort der vermeintlichen Gottesferne und bringt den zum Schweigen Verurteilten zum erleichterten und freien Reden! Fortan hat der Stumme eine Stimme, an der er weithin erkannt wird. Egal ob er sie benutzt seine Stimme; ob über seine Lippen romantische Verse gehen oder ob er sie benutzt, um als Rosstäuscher fortan andere übers Ohr zu hauen. Es ist immer nur seine unverwechselbare persönliche Stimme. Mit ihr formt er die Worte, die aufbauen oder niedermachen können wie bei jedem von uns. Mit der Stimme nehmen wir Verbindung auf miteinander. Wir Menschen sind eben Wortwesen. Das merken wir besonders, wenn wir Hallo in ein leeres Zuhause rufen und niemand würde antworten. Wie glücklich sind wir aber, wenn wir die unverwechselbare Stimme des geliebten Anderen hören und sei es nur am Telefon: Hier blühen wir auf. Hier werden wir verstanden. Hier geschieht Resonanz!

Die Geschichte von der Heilung eines wirklich Taubstummen erzählt eben mehr als ein erstaunliches HNO-Wunder: sie ist  eine Erweckungsgeschichte. So wie der zum Schweigen Verurteilte erweckt wurde, so wie er nicht mehr in leere Häuser und Wohnungen rufen muss, so erweckt uns Christus unsere Stimme, unsere Realität, unsere Identität, damit wir der Bestimmung nachkommen, für die Gott uns gemacht hat: verbunden zu sein mit dem anderen, und zwar so wie wir sind. Dass Jesus in der Geschichte dafür ein Wort nimmt, das für uns wie ein Zauberwort klingt – das ist für mich die Botschaft, dass diese Geschichte uns alle erwecken will. „Hefata“ heißt dieses Wort aus dem Aramäischen. Tue dich auf, heißt es übersetzt. Öffne dich für Gottes Nähe. Erwecken will es für ein vollständiges Leben vor Gott und mit Gott. Darum auch der Blick Jesu zum Himmel. Vielleicht müssen wir, die wir homosexuelle Menschen zum Schweigen in ihrer nichtöffentlichen Parallelwelt gezwungen haben, vielleicht müssen wir erweckt werden, und zwar zur Einfühlungskraft, zum Verstehen wollen und zum Entdecken, dass uns genau dieses miteinander verbindet: Wir alle, niemand will in leere Häuser rufen ohne Antwort, sondern wir sehnen uns danach, dass die Antwort zurückkommt: Gut, dass du da bist, dass du da bist mit deiner Stimme. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe.“ Die Liebe Gottes erweckt uns zu einer Realität ja zu sagen, die die Liebe und Gegenliebe  sucht. Und die weiß, wie verletzlich sie ist und wie gefährdet, ganz gleich ob wir hetero- oder homosexuell geneigt sind. Unumkehrbar. Dass wir für diese Liebe Kraft brauchen, den Segen des Himmels, dass wir an ihr schuldig werden, und dass wir dennoch zu ihr berufen sind. Dass diese Liebe sich aus der ständig sprudelnden Quelle der Liebe Gottes speisen muss. Und dass wir gerade mit allem, was uns ausmacht, vor Gott nicht zwiegespalten sein müssen, nicht ausgegrenzt und dass nichts übertüncht wird. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. An ihr haben wir teil, wenn wir uns dem Wort Jesu öffnen: HEFATA: Tue dich auf! Amen

Peter-Thomas Stuberg

Superintendent