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Die Spuren des Glaubens durch das Gebet

Predigt am 20. Oktober 2019 in der Nikolaikirche in Siegen

 

Text: Matthäus 6, 5-13

 

„Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten.“ – So hat Martin Luther das Gebet beschrieben. Typisch Luther! Klar und ohne Umschweife! Beten ist Handwerk! Richtige Handwerksberufe können wir uns einigermaßen gut vorstellen. Schuster und Schneider, Friseure, Installateure, Fliesenleger und Automechaniker. Am Ergebnis messen wir, ob sie gut gearbeitet haben. Deshalb lautet wohl ein Werbespruch nicht umsonst: „Was Friseure können, können nur Friseure.“ Ist da das Beten der Christen mit einem Handwerk zu vergleichen, das ein gutes  Ergebnis hat? Sind wir geübte Beter, die dieses Handwerk beherrschen? Oder sind wir nicht mittlerweile Zaungäste, die stumm dastehen, wenn andere, Pfarrer zum Beispiel, professionell beten? So als seien wir Zuschauer auf Mittelaltermärkten, die erstaunt sehen, wie Seile gedreht, Besen gebunden und Hufe geschmiedet werden. Was sind wir beim Beten? Geübte Handwerker oder eher Lehrlinge und Praktikanten für kurze Zeit?

Eine Statistik von 2017 besagt, dass etwa 52 % der Deutschen betet. Von täglich bis sehr selten. Über 42 % sagen, dass sie niemals beten würden. Der Rest schweigt. Die betende Hälfte der Deutschen ist dabei deutlich bei den älteren Menschen zu suchen, sagt die Statistik.

Es geht beim Beten um etwas sehr persönliches, Privates, Intimes sogar. Und doch geht es um Entscheidendes. Denn ÜBER Gott zu reden ist leicht. MIT ihm zu reden jedoch, da kommt es zum Schwur. „Wie hälst du`s mit der Religion?“ fragte schon Gretchen den alten Faust bei Goethe. Und der weicht vielsagend aus!

„Sie als Pfarrer müssten das ja können, das Beten“ ,sagte mir jemand mal und er verriet damit seine eigene Verlegenheit zum Beten. Aber wie, so frage ich mich, hält es ein Pfarrer dann selbst mit dem Beten, wenn der Talar ihn nicht umhüllt und der Gottesdienst im Kirchraum es erfordert? Ist er dann auch verlegen und verschwiegen, wie viele andere? Wo sind wir in der Statistik des Betens? Woher kommen solche Verlegenheiten mit dem Beten? Was ist denn vom Gebet zu erwarten oder ist nichts zu erwarten, so dass es uns deshalb schwer fällt, die Hände zu falten?

Jetzt könnte jeder und jede eine persönliche Geschichte erzählen. Was war der Anlass zum Beten? Und hat das Gebet etwas bewirkt, so dass es ein Vorher und ein neues Nachher gab? Womöglich fallen Vielen auch etliche vergebliche Versuche ein. Da wurde innig und verzweifelt  um Heilung eines geliebten Schwerkranken gebetet und doch musste der am Ende versterben, obwohl er mindestens noch gebraucht worden wäre. Zweifel an Gottes Allmacht und seinem Willen zur Rettung stellen sich da ein, wenn Beten nur ein unerfüllbares Wünschen ist.

Vielleicht hindert uns auch beim Beten, dass wir uns unsere Hilflosigkeit eingestehen müssen, wenn wir die Hände falten. Dann machen wir uns inaktiv, sind nicht mehr die Macher und die, die alles im Griff haben. Die Hände sind buchstäblich leer und unsere Haltung wird die eines bittenden Bettlers. Das widerspricht unserem Selbstbild von Stärke und Durchblick. Es kratzt am eigenen Stolz.

Jesus selbst weiß, dass wir beim Beten niemals Meister des Handwerks werden können. So jedenfalls lese ich seine Worte im Matthäusevangelium. Sie sind seelsorglich. Sie helfen und ermöglichen Beten – ein Beten für Anfänger quasi: also für uns! Er nimmt uns in seine Schule des Betens und zeigt darin, was vom Gebet zu erwarten ist. Sein Beten hört Gott – das garantiert er. Und er erhört es auch! Dabei geht es ihm zuerst um eine innere Haltung.  Beten ist der persönlichste und innigste Moment mit Gott. Deshalb scheidet alles aus, was störend zwischen uns drängt. Kein Zuschauerauge darf hinsehen, kein Ohr außer Gottes Ohr, ist hier zugegen und hört mit, wenn es ums Beten geht. „Seid nicht wie die Heuchler“, sagt er. Sie machen aus ihrer Frömmigkeit eine peinliche Show. Das erinnert mich an sogenannte Gebetsgemeinschaften, in denen man eigentlich dem anderen im Kreis der Betenden eine Nachricht, eine Ermahnung oder eine Empfehlung zur Besserung auf den Weg geben will – aber nicht Gott. Öffentlich zu beten um des Showeffektes willen, sind wir aber bestimmt nicht gefährdet. Wer wollte sich der Peinlichkeit aussetzen und am Bahnhof oder in der Fußgängerzone  vor allen Mensch zu beten? Höchstens dann, wenn ein Unglück geschehen ist, dann brauchen wir uns.  Dann gehen wir auch an öffentliche Plätze; dorthin wo das Unfassliche geschehen ist und suchen nach Worten, die eine andere Adresse brauchen als unsere Ohren. Aber dann sind wir auch hier zusammen ohne Masken und Koketterie. Genauso ist ja in Jesu Augen die ehrliche Grundhaltung des Betens. Der Alltagsraum jedoch für das Beten ist zu allererst das sogenannte stille Kämmerlein. Hier geschieht Wahrhaftigeres als im unfrommen Wettlauf der frömmelnden Seelen. Wohl deshalb lenkt Jesus seinen Blick zuerst hierhin. Hier, wo ich allein bin im Raum, hier  trennen sich Lüge und Wahrheit und es öffnet sich unsere innere Wahrhaftigkeit  - aber eben vor Gott.

Auch wenn eine solche Kammer die Welt um mich rum aussperrt, so dringt sie doch dann gerade ein, wenn es am stillsten ist. Dann „tanzen die Affen wild in den Bäumen“, hat es ein geistlicher Begleiter einmal beschrieben. Was machen wir dann damit, wenn es zwar leise ist um  uns aber innerlich laut? Ihm alles schildern? Die Sorgen um den Job, die Familie, die eigene Gesundheit? Meine Stimmungen und Gefühle zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt?

„Da bin ich Gott“ , das würde reichen, wenn ich Jesu Worte richtig verstehe. Er weiß doch, was dich belegt und bindet, bedrückt, begeistert, befremdet. Eigentlich ist es ein Beten, das ganz da ist vor Gott. Da liegt sein Ziel: sich in IHM zu wissen. Es besteht darum vielmehr aus Schweigen als aus ganz vielen Worten. Es ist mehr ein Stillsein, ein Verstummen als ein Reden, Planen Handeln wollen.  Also: Leer werden und in dieser Leere Gott den Raum überlassen. Da sind wir im Auge des Sturms, in dem es ruhig ist und wir mittendrin. Die bergende Höhle, der Schatten seiner Flügel – wie es die Bibel ausdrückt. Und dann in diesem Schweigeraum unser Zutrauen zu Gott wachsen lassen. Zutrauen in IHN gegen unsere beißende Sorge, gegen unsere fahrige Zerstreutheit, gegen den stressigen Druck, gegen alles, was mich mit Beschlag belegt. Beten ist Hören und dann erst ein Reden.

Aber was gibt es zu reden und zu erbitten aus diesem Schweigen heraus? Es ist ein Reden, das sich dann nicht Gott in unsere Welt hineinzieht, sondern das uns sich in ihn hineinbetet. In seine Welt, seine Gegenwart, seine Größe. Alles andere in uns bleibt dann zwar noch da, aber es wird trotzdem nachrangig, es kriegt eine andere Proportion; es wird kleiner.

So beginnt das Jesusgebt mit „Geheiligt werde dein Name“ und „Dein Reich komme“. Also Gottes Du kommt zuerst in den Blick. Von da aus wird mein Ich erst neu in den Blick gebracht. ICH – im DU, das zu erkennen ist unser eigentlicher Mangel. Bei Beerdigungen erlebte ich es oft, dass die Menschen beim „Vater unser“ am Grab erst einstimmen beim „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Wahrscheinlich deshalb, weil es ja anschaulicher ist. Wo es am Brot fehlt, da ist das Leben ja elementar  gefährdet. Aber trotzdem kriegt es bei Jesus einen anderen Stellenwert, wenn ich mich zuerst vergewissert habe, dass Gottes Name geheiligt ist und er sehr viel mehr als nur eine Art Automat auf meine Wünsche hin. Jesus lehrt uns ein reiferes Beten, das Gott zutraut, dass in seinem Namen alle unsere Not wirklich aufgehoben ist.

Sein „Vater unser“ ist die Blaupause, die Lernfolie für unser Gebet, das erhört wird. Es beginnt gewissermaßen im Himmel, im Heilighalten des Namens. Dann – mit dieser Erfahrung, mit diesem Gottesgeschmack, dieser Weite im Herzen relativiert sich mein Leben, das hungrig ist, das der Vergebung bedarf und das Schutz braucht vor allen möglichen unguten Versuchungen zum Zerstörerischen.

Darum wohl hilft es, seiner Bewegung zu folgen: aus der Weite des Himmels, aus dem Willen Gottes für seine Welt  - diese möge doch kommen! Hinein in die engen, konkreten Lebensbedingungen, die unser Leben ausmachen. Wir legen im Beten seinen Namen auf unsere Welt. Und sofort merken wir: es muss besser werden, weil dieser Gott es besser will. In Gottes Augen kann es nicht sein, dass Menschen krepieren in Hunger und Krieg. In Gottes Augen kann es nicht sein, dass Schuld unser Miteinander vergiftet und tötet, dass das Böse uns umklammert und nur er uns daraus erlösen kann.

Was also verleitet, motiviert und ermuntert uns zu einem Beten, das Besserung wirklich erwartet? Einzig der, der uns das Beten selbst lehrt: Jesus Christus. Der uns das Zutrauen zu Gott lehrt auch dann noch, wenn unser Beten zu ihm verstummen will; wenn es von der Decke wieder herunterfällt oder es scheinbar ungehört im Weltall verhallt. Was hält uns am Beten auch gegen die verstörende Erfahrung, dass es manches Schreckliche nicht verhindern konnte. Aber auch: dass manches Beten wirklich die Wende brachte, das unerwartete Neue, die leichte Last sich einstellte, das Problem sich in Luft auflöste, dass es erhört war?

Einzig der Beter Jesus bezeugt und bekräftigt, dass Beten eine realistische Aussicht hat. War er es doch selber, der noch am Kreuz gebetet hat. Nicht kräftig und heroisch; nein: klagend und schreiend sogar. Er hat Gott noch „Vater“ genannt, wo menschlich nur Schweigen und Verstummen sich einstellten. Deshalb lohnt es sich, nein ist es geboten für uns zu beten – immer aufs Neue. Wegen dieses Satzes aus seinem Mund: „Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Weil dieser Satz erklungen ist  an dem Ort, wo man Gott am wenigsten vermutet. Wegen seines Vertrauens dürfen wir Zutrauen haben und zu ihm gehen und sagen „Da bin ich Gott. Du kennst mich.“ Und das genügt!

Amen

 

Peter-Thomas Stuberg

Superintendent