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Predigt beim Martini-Predigtsommer 2019

in der Martinikirche in Siegen am 4. August 2019

 

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebr. 13, 14)

 

Liebe Gemeinde,

„Vielleicht ist der höchste Grad der Liebe: zu lieben ohne zu besitzen.“

Diese Worte von Marion Gräfin Dönhoff sind berühmt geworden. Entstanden sind sie nach dem Besuch ihres Gutes, auf dem sie ihre Kindheit in Ostpreußen verbracht hatte. Direkt nach 1945 musste sie vor der Roten Armee fliehen und das Gut der Familie wurde alsbald dem Erdboden gleichgemacht. Als die Dönhoff es 1989 besuchen will, findet sie nicht einmal mehr einen Schuttberg, sondern nur einen Urwald aus Büschen und Brennnesseln wieder. Dennoch beansprucht sie, nunmehr Hamburgerin und berühmte Herausgeberin der ZEIT, keine Rückgabe oder gar Entschädigung für diesen kriegsbedingten Verlust.

Lieben als lieben ohne zu besitzen. Was denn eigentlich? Nun – ein großes Wort: DIE HEIMAT. Es ist ein Wort, das in unseren Tagen wieder auferstanden ist. In Dönhoff’s Memoiren sind es vor allem Gerüche, Gebräuche, es sind eis­kalte Winter und heiße weizenfeldwogende Sommer. Über allem majestätisch der schier endlose Himmel. Es sind liebenswerte, schrullige Angestellte und markante Typen auf dem Gutshof. Eine preußisch - protestantisch pflichtgewisse Tugend ist leitend für das Zusammenleben. Katechismus und Charakter gewissermaßen. Mit ihren zusammenfassenden Worten prägte sie eingedenk dieses schmerzlichen Verlustes für sich einen  neuen, einen innerlich abständigeren Heimatbegriff: zu lieben ohne sie  besitzen zu müssen.

Was, liebe Gemeinde, ist Heimat für Sie? Ist es ein Ort der Erinnerung? Ein Ort, in dem Sie Kind waren? Der zu finden ist auf einer Landkarte? Ist es vielleicht der verwunschene Garten, das erstaunlich kleine Schulgebäude, die Badestelle an der Talsperre, die Freunde für Dick und Dünn? Ist „Heimat“ ein Zustand, der vielleicht einmal war?  Oder einer, der erst noch kommen wird? Es sind wohl Kriterien, Merkmale, bestimmte Erfahrungen, die uns sagen lassen: Hier bin ich beheimatet. Unser Bundespräsident sagte zum Tag der deutschen Einheit zu Recht, man solle den Heimatbegriff nicht den Nationalisten und rechtsextremen Kräften überlassen. Ist doch Heimat nichts anderes als ein Ort, wo ich verstanden werde und wo ich verstehe. Wo ich eben nicht fremd bin, wo man meinen Namen kennt, wo der Bäcker mich grüßt und fragt: „Die Brötchen wie immer?“ und wo der Leiter des Lauftreffs anruft und sich erkundigt, warum ich am Samstag nicht da gewesen bin.

Heimat – damit beschreiben wir ein ganzes Bündel von Gefühlen und Erleb­nissen, von Netzwerk und Verbundenheit – sie können auch an einem einzigen Ort und nur an diesem stattfinden. Wird solch ein Ort allerdings politisch aufgeladen, dann wird Heimat zu einem Begriff, in dem definiert wird, wer an ihm teil hat und wer eben nicht. Er wird exklusiv. Weil vermeintlich Fremde das vermeintlich Heimatliche be­drängen oder gar bedrohen. Für diesen pervertierten Heimatbegriff gilt einzig das Kriterium der Abstammung. Was also ist Heimat im positiven Sinne? Wo liegt sie? Oder besser: Wann ereignet sie sich eigentlich?

Die Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, tragen in sich wahrscheinlich einen doppelten Heimatbegriff. Sie wissen um die Heimat, die sie verlassen mussten, in der sie es nicht mehr aushalten konnten. Die von Terror und Krieg überzogen ist, wo bitterste Armut das Leben von Beginn an bedroht, wo Wüsten oder Wasser­massen sie gleichermaßen zum Aufbruch zwingen und sie suchen nach Heimat, die den Begriff verdient, nach einer Bleibe zum Leben. Das ursprüngliche Wort aus dem Althochdeutschen für Heimat hieß „Hämatli“. Es klingt schon behütend und anheimelnd und es bedeutet etwas ganz Elementares: „Wohnrecht mit Schlafstelle im Haus“. Heimat ist also dort, wo ich mich wehrlos in den Schlaf fallen lassen kann, schutzlos schlummere und nicht auf der Hut sein muss, sondern in tiefen Frieden eingehüllt bin. Nicht weniger als solch eine Heimat suchen wohl die 70 Mio. Menschen, die weltweit auf der Suche nach einer neuen Heimat sind, nachdem sie ihre Herkunftsheimat schmerzlich verlassen mussten.

In der Bibel ist solches Suchen nach dauerhafter Heimat eine Grundbewegung des Glaubens. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Dieses Wort ist eine bleibende Zumutung. Und diese Zumutung wird im Laufe des Lebens nicht kleiner. Zu jenen, die ums nackte Leben rennen, sollte dieses Wort nicht gesagt werden. Es wäre wohl zynisch. Wohl aber ist es zu denen gesagt, die glauben, die Heimat sei etwas Konstantes, Ewiges, Unerschütterliches und Fixiertes.

Dieses Wort ist uns gesagt zu einem geistlichen Einüben. Es nimmt uns hinein in einen lebenslangen Lernweg. Dabei spricht es eine Wahrheit aus, die wir nur ungerne hören: dass nämlich alles, was wir manchmal geradezu krampfhaft in den Händen halten wollen eben doch nur vor­läufig ist, dass es relativiert werden muss und in seiner Flüchtigkeit verstanden werden soll. So soll der Moment sehr wohl beherzt gefasst aber alsbald im richtigen Augenblick wieder los­gelassen werden. Dieses Loslassen und Empfangen ist ja mitunter ein schmerzhafter Prozess, den uns der Hebräerbrief aufzugeben scheint. Das, was wir irgendwann im Laufe des Lebens verstanden haben, dass sich eben doch nichts halten lässt, dass es Veränderungen braucht, das ahnen wir ja im Kleinen wie im Großen.

Aufbrechen und neu ankommen – gerade in der Sommerzeit liegen solche Wendepunkte in unserem Leben. Kindergarten, Schulbeginn, Entlassfeiern, Berufsanfang, sich die Ehe versprechen – solche und viele Momente mehr tragen ja in sich einen Trauerflor des Verlassenmüssens und die unbändige Spannung und Vorfreude darauf, was es zu gewinnen gibt. Aber auch im Großen merken wir’s, was es bedeutet, keine bleibende Stadt zu haben:

Wir merken im Moment doch besonders, wie die Welt in Bewegung ist. Und dass diese Bewegung nicht erkennen lässt, wo die Reise eigentlich hingeht. Nicht erst der Klimawandel erinnert uns an die Unwägbarkeit solcher Entwick­lungen. Dass da dann nur ein paar Politclowns den Menschen vorgaukeln möchten, es bliebe alles beim Alten, wirkt besonders hilflos. Sie versprechen, zurück zu glanzvollen Zeiten zu kommen. So als könnte man alte Größe und vergangenes Heimatgefühl wieder neu und für immer erzeugen. Die Welt scheint im Regressionsfieber zu sein, weil sie die Veränderungen nicht aushält. Retro gilt nicht nur als ästhetische Kategorie.

Den Hebräerbrief in solchen stürmischen Zeiten zu lesen, heißt demgegenüber sich die Seel­sorge Gottes selbst gefallen zu lassen. Irgendwie übt uns der Glaube hier in einen nüchternen Blick ein. Es ist ihm klar, dass die noch so schöne Be­heimatung hier irgendwann abschmilzt. Dass Gewohnheiten sich ändern, Struk­turen sich wandeln, sogar Freundschaften nicht mehr auf ewig halten. Dann aber ist es wichtig, dass wir einen zweiten Blick auf eine andere Heimat haben und dieser Blick geht nach vorne. „Die zukünftige suchen wir“, sagt der Hebräer­brief. Und er sagt es seelsorglich, aufbauend und er nimmt uns die Angst. Er sagt es einer zerstreuten Gruppe von Christen, deren Glaubensflamme in Nostalgie zu erlöschen drohte. Nichts mehr schien ihnen wie früher. Alles nur noch schlimmer – dieses Gefühl nistete sich in ihrer Seele ein. Sie verlassen die Versammlungen, erwarten nichts mehr von Gott und werfen ihr Vertrauen all­mählich weg. Ganz ähnlich wie heute: Die Kirche verliert an öffentlicher Bedeutung, ihre Predigt wirkt immer kraftloser, ihre Hoffnung trügerisch, ihr Glaube vergeblich. Die Gefahr sich einzuigeln ist groß.

Da öffnet Ihnen und uns der Apostel des Hebräerbriefes die Augen für die ganz andere Wirklichkeit Gottes. Er malt uns Bilder, umwerfende Bilder vor das innere Auge des Glaubens. Er wirft einen Blick in den für unsere Sinne verschlossenen Himmel: Auf Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Vor ihm bleiben wir Anfänger, blutige Anfänger sogar, aber er selbst vollendet das bisschen Glauben, zu dem wir überhaupt noch in der Lage sind. Der Hebräerbrief nennt ihn den einzigen Hohenpriester, der sich drinnen bei Gott und draußen bei den Menschen bestens auskennt. Der Mitleiden hat mit seiner verzagten Herde, also mit uns, aber der den ganzen Verdruss und unser kümmerliches Vertrauen Gottvater vor die Füße schüttet und der dann an unserer Stelle glaubt und zwar vollendet glaubt! Mehr noch: der an uns glaubt. Und damit sieht er mehr in uns als wir selbst ausmachen. Er ist unser Glaubenserwecker, wenn wir nur noch pure Dürftigkeit in Sachen Glauben vorzuweisen haben. Er stellt eine Heimat in Aussicht, die alle Kriterien von Heimat erfüllt: Zuhause sein dürfen, sich fallen lassen können, verbunden sein mit den anderen, nicht nur mit den gleichen, beim Namen genannt und ge­rufen sein. Bei ihm haben wir einen Ort, der zu Recht himmlisch genannt werden kann. Die Stadt, die der Apostel des Hebräerbriefs vor Augen hat, ist das himmlische Jerusalem. Es ist eine Stadt, die sich unserer Erfahrung entzieht und die dennoch unsere Sehnsucht entflammt. Eine Stadt wie sie Johannes in seiner Offenbarung sieht: mit zwölf Toren aus lauter Perlen, ein Ort, an dem Gott ganz nahe bei den Menschen wohnt. Weil Gott darin wohnt, braucht es in ihr kein Krankenhaus, keine Arztpraxis und kein Bestattungsunternehmen. Der Tod ist in dieser Stadt endgültig vor die Mauern verbannt. In ihren Straßen und Plätzen feiert man den Sieg des Auferstandenen, den er uns umsonst einfach zur Verfügung stellt. Sie ist der Ort eines ganz erfüllten Schalom.

In der Seelsorge und in der Therapie werden schwermütige Menschen wieder in Bewegung gebracht, indem sie Bilder, Wunschbilder quasi, antizipieren also innerlich in der Phantasie vorwegnehmen. Also: ein inneres Bild entwickeln, das jetzt schon Wirklichkeit wird, obwohl es real noch nicht da ist. So lernen sie das Glück, das sie ersehnen, auch zu formulieren. Solche Bilder zu entwickeln benötigt  dann in der Krise oft eine große seelische Kraft. Bei Gott müssen wir diese Kraft nicht aufbringen. Er selbst malt uns solche Bilder von Heimat und Zuhausesein gerade dann vor Augen, wenn unser Glaube zu resignieren droht. Er hilft unserer Schwachheit auf. Er bringt uns so in Bewegung. Alles, was wir als Heimat, Erfahrung oder als Sehnsucht in uns tragen, das dürfen wir hineinlegen in die Heimat, die er uns schafft und die erst noch kommt. Man mag denken, dass sei todessehnsüchtig. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wenige Zeilen später wird der Hebräerbrief ganz irdisch und ganz alltäg­lich. „Seid nicht geldgierig!“ mahnt er zum Beispiel. „Seid nicht untreu in eurer Ehe!“, also haltet Maß in allem. Und positiv gewendet: „Seid gastfrei zu jeder­mann, öffnet die Türen, ladet an eure Tische, habt Tischgemeinschaft.“ „Ver­gesst nicht Gutes zu tun!“ Das also sind ganz kleine praktische Bausteine, um Heimat herzustellen. Und zwar jetzt und an dem Ort, an dem wir gerade leben. Es gilt also Verbindungen zu knüpfen und, wie die Dönhoff es sagt, „zu lieben ohne zu besitzen.“ Amen

Peter-Thomas Stuberg

Superintendent