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Auf Spurensuche des Glaubens
nach Gott

(Predigt in der Nikolaikirche 17. Februar 2019)

 

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. (Joh. 1, 1)

Liebe Gemeinde!

Ist da jemand? – So betitelte vor einigen Jahren der Spiegel eine Ausgabe. Zu sehen war eine Fotomontage.  Gottvater, wie er von Michelangelo gemalt ist, schwebt durch die unendlichen Weiten des Weltalls. Genau diesen Gottvater aber konnte man einfach wegklappen und nur das leere Universum blieb übrig. Anstelle des Gottesbildes klaffte ein natürliches Loch.

Ist da jemand? – So fragt auch Adel Tawil in einem Hit, der wochenlang in den Charts ganz oben stand. „Ist da jemand, der dein Herz versteht, und der mit dir bis ans Ende geht, wenn du selber nicht mehr an dich glaubst, ist da jemand, ist da jemand?“

Die Frage ob da jemand ist, ob da Gott ist, stellen sich offenkundig viele Menschen. Und wenn es ihn gibt, ist er dann auch für mich da?

Glaube und Zweifel liegen in dieser Frage sehr dicht beieinander, so dicht wie ein einfaches Umblättern eines Titelbildes. An der Beantwortung dieser Frage scheiden sich Christen und Atheisten. Dabei kann man auf diese Frage gar nicht so leicht antworten. Ob es Gott gibt, können wir nicht so beantworten wie die Einsicht, dass es diese Kirche gibt, die Bäume, die Welt, die mir vor Augen ist. Gott ist Glaubenssache. Mit der Vernunft, mit wissenschaftlichem Verstand ist er nicht zu erklären. Aber er ist auch nicht nicht zu erklären. Hierin treffen sich Christen und Atheisten wieder zusammen: Mit dem Verstand können wir die Frage, ob es Gott gibt oder ob es ihn nicht gibt, nicht hinreichend beantworten.

„Gott“ – Wikipedia definiert dieses Wort so: „Als Gott wird ein übernatürliches Wesen bezeichnet, das über eine große und nicht naturwissenschaftlich beschreibbare transzendente Macht verfügt.“ Nach diesem Lexikon ist er erster Ursprung, Schöpfer oder Gestalter der Wirklichkeit. Er ist allumfassend. – Also, ob es Gott gibt, kann ich nicht so klären, wie ich mich für eine Warenauslage im Geschäft entscheide. Ich entscheide mich bei „Gott“ nicht für diesen oder jenen Anzug, dieses oder jenes Handy, dieses oder jenes Auto, weil es mir entspricht. Über Gott, den Allumfassenden eine Antwort zu finden, heißt zugleich: Ich werde gefunden. Ich finde mich auf einmal in einem Bezugsrahmen von Schöpfung und Geschöpf. Wenn Gott nämlich der Schöpfer ist, dann bin ich doch selbst auch irgendwie geschaffen. Dann ist mir doch selbst das Leben gegeben, dann kann ich es nicht machen. Selbst wenn die moderne Medizin mittlerweile erhebliche Eingriffe in das Leben vornehmen kann, so kann sie das Leben selbst doch nicht hervorbringen. Dass aus zwei befruchteten Zellen ein gemeinsames Leben entsteht, ist ein Geheimnis, das sich Gott sei Dank unserem Tun entzieht! Aber spricht dieses Geheimnis schon genügend dafür, dass es Gott gibt? Dass da also jemand ist und nicht doch ein leeres Universum?

Gott versuchen wir darum oftmals mit unseren Erfahrungen und Erlebnissen zu „beweisen“. Da fühlen wir eine zweifelsfreie Nähe zu Gott, wenn wir besonders große Augenblicke erleben. Da sehen wir in den Alpen vielleicht die Sonne aufgehen – ein Moment, der unfassbar größer ist als wir selbst! Da erleben wir das unerklärliche Glück, einen Menschen gefunden zu haben, mit dem wir auf einer Wellenlänge funken, mit dem wir das Leben teilen. Da wird ein Kind geboren, und wenn es seinen ersten Schrei tut, ergreift selbst den gröbsten Grobian die Rührung an einem Wunder beteiligt zu sein. Ein Mann erzählte mir, er sei heftig mit dem Motorrad verunfallt. Eigentlich ließen seine Verletzungen ein Überleben nicht zu. Dass er dennoch überlebt hat, kam ihm neben der ärztlichen Kunst wie ein unerklärliches Wunder vor. Das habe ihn nachdenklich gemacht und ihn ins Fragen gebracht, ob jemand anderes eine Hand über ihn gehalten hat. – Also: Wenn wir Rettung erleben oder Erfüllung erfahren, wenn Liebe­volles unser Herz zum Bersten bringen möchte, wenn Musik, Kunst oder Literatur unsere Seele berührt, dann und an vielen anderen Stellen erleben wir das Wunder des Lebens. Gerade dann scheint uns Gott sehr plausibel zu sein, eine hauchdünne Membran trennt uns nur noch von ihm.

Aber beweisen solche Momente, dass es ihn wirklich gibt? Wie wäre es dann zu deuten, dass vor wenigen Wochen der zweijährige kleine Junge in Spanien in ein tiefes Erdloch fallen musste und niemand war da, der ihn auffing? Wie wäre es dann zu erklären, dass Naturkatastrophen, Tsunamis und Erdbeben hunderte von Unschuldigen das Leben kostet? Sprechen solche schrecklichen Erlebnisse dann nicht gegen Gott?

Also: Gott aus der Erfahrung, dem Erlebnis zu finden, bleibt zwiespältig. Zwei­deutig sind die Wunder – für die einen sind sie eine Gottesspur, für die anderen sind sie purer Zufall. Wie kann es einen Gott für unsere kleine Welt geben, die im Weltall nur ein einziges Sandkorn an einem kilometerlangen Strand ist. Das, was früher die Menschen zum Glauben anstachelte, hat heute die Naturwissen­schaft entzaubert, erklärt und beschrieben. Es scheint keinen Platz zu geben für Gott, und wir scheinen mutterseelenallein im Weltall herumzuschweben. An­gewiesen, dass wir uns gegenseitig wärmen und das Beste aus unserer Zeit machen. Die Spur, Gott über unsere Erfahrung zu erfassen, bleibt Spekulation und Vermutung. Sie führt ins Irrlichterne.

Für Christen gibt es nur eine einzige Spur, die ihren Glauben zur Gewissheit machen kann. Es ist die Spur, die Gott von sich selbst aus gelegt hat. Wir sind angewiesen, dass er sie selbst uns zeigt, dass er sich uns erweist, dass er uns von sich aus einleuchtet und zu uns spricht. Sprechen, ja, im weitesten Sinne sprechen – also nicht schweigen wie die Sphinx an den Pyramiden,  nicht nur unergründlich bleiben, sondern sich er­klären, sich äußern und vernehmen lassen – darauf sind wir angewiesen und das beschreibt zugleich das Wesen Gottes. Auf dieses Wesen Gottes können wir bauen, dass er sich selbst erklärt, zur Sprache bringt. Der Evangelist Johannes beschreibt es zu Beginn seines Evangeliums: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Nun könnte man meinen, nichts als Worte, bla bla also, zugetextet werden. Worte als Schall und Rauch. Nein, das Gegenteil ist der Fall: Worte, auch unausgesprochene Worte, sie sind die elementarste Form sich zu verständigen. Hier liegt am ehesten die Spur, die zeigt, dass es Gott gibt: Dass wir selbst Wortwesen sind. Dass wir uns verständigen zwischen ICH und DU, zwischen mir und meiner Umwelt, zwischen einem Gegenüber und dem eigenen Ich. Ein Wort braucht immer ein Gegenüber! Ein Wort will Gehör finden. Jeder kennt diese Situation: Wie trostlos ist es, wenn ich in einer leeren Wohnung ein „Hallo“ rufe und niemand antwortet, weil auch niemand da ist.

Wir sind eben nicht Robinson Crusoe, der darauf angewiesen war, mit Wellen und Wind zu sprechen, bevor er seinen Gefährten mit Namen FREITAG ge­troffen hat. Worte brauchen Resonanz, Widerhall. Und auch so sind wir gebaut: Als Wortwesen, die Widerwort, Gehör, Antwort benötigen – Resonanz eben. Und wenn wir schon so gebaut sind, die Natur um uns ist es auch. Es gibt sie, die Sprache der Wale, der Vögel, ja selbst sogar der Bäume wie wir seit Neuestem wissen, die mit Wurzeln und Pilzsporen sich verständigen. Das alles ist der Stoff, aus dem die lebendige Schöpfung ist: In ihr zugrunde liegt das Wort, das Antwort sucht.

Nun sagt Johannes: Gott war das Wort, und zwar das erste Wort; nicht ein Wort unter mehreren, sondern das WORT schlechthin. Sein Wort will nicht im Universum verhallen, sondern sucht Antwort in seinen Wortwesen: in dir und in mir. Aber wie geschieht das Wort? Die Geschichte von der Berufung Mose, die wir vorhin gehört haben, zeigt es: Gott spricht zu Mose, nennt ihn bei seinem Namen. Zugleich aber bleibt Gott unsichtbar, verborgen und verhüllt. Dieses ist typisch. Erfahrungen mit Gott haben immer zwei Komponenten: die hörbare, verstehbare Seite und die verhüllte, versteckte und bleibend verborgene.

Ich könnte dieses nun mit einer kleinen persönlichen Erfahrung belegen. Einer Art Moses-Erfahrung im ganz Kleinen, als mich persönlich eben ein Wort getroffen hat. Als ich als Jugendlicher an Gott zweifelte, mich fragte, gibt es ihn und gibt es ihn gar für mich. Diese Not fasste ich in ein Gebet, aber nichts geschah. Kein Dornbusch brannte für mich. Allerdings fiel mir beim Durchblättern meiner Konfirmandenbibel ein Wort geradezu vor die Füße, dort heißt es: „Euer Glaube sollte nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes Macht.“ Dieses Wort traf mich ganz unvermittelt, so als sei es an mich persönlich adressiert gewesen. Es wirkte so, als sei ich wie Mose selbst bei meinem eigenen Namen gerufen worden in Verbindung mit einer persönlichen Botschaft. Jemand anderes bliebe davon völlig unberührt. Es sagt ihm nichts. Jawohl, es können sprechende Erfahrungen sein, verstehbare Zeichen, die für Gottes Existenz im Verborgenen sprechen. Sind das aber nicht vielleicht doch Einbildungen? Solches Zweifeln an den Erfahrungen wird man niemals los, sie entstehen aus dem ver­hüllten Wesen Gottes. Wir leben eben im Glauben, nicht im Schauen! In solchen „sprechenden“ Momenten begegnen sich ja zwei Wesen: der Ewige, der von Anfang an war, und der Zeitliche, der jetzt in diesem Moment da ist. Gott der Unendliche und ich, das sterbliche Wesen. Man könnte es in ein Bild fassen: Nehmen Sie einen Luftballon! In einen Luftballon passt niemals die gesamte Atmosphäre, die unsere Welt umgibt. Und doch ist er innen gefüllt mit der Luft, die die gesamte Welt umhüllt. In seinem kleinen Volumen ist die Außenluft komplett enthalten.

So ist es auch mit Gott und uns. Wir werden ihn nie fassen. Aber was wir von ihm erfassen, gibt im Kleinen wieder, was im Unendlichen unfassbar vorhanden ist – er selbst. Wenn Gott mich so erfüllt, dann geht dieser Moment einher mit dem unzweifelhaften Eindruck: Ich bin gesehen, ich bin getroffen, ich bin angesprochen. Er tritt zu mir in eine unerklärliche Beziehung. Aber geht nur so, nicht anders: Ich muss meine Nase in die Bibel stecken, um in ihren Geschichten, in ihrer Weisheit und in ihren Lebenserfahrungen mit Gott meine Lebenserfahrungen zu deuten. Gott kommt mir deshalb im Alltag bekannt vor, weil ich die Geschichten über ihn aus der Bibel kenne und verinnerliche. Also: Ist da jemand?

Ja – ich glaube es. Ja – ER hat sich mir eingeprägt. Ja – ich habe einen kleinen Teil erfasst und ER ist eingegangen in mein Leben und wird eingehen in mein Sterben. Wie er das macht, das bedenken wir beim nächsten Mal, wenn es heißt: auf Spurensuche des Glaubens nach Jesus Christus. Amen