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Reformiertes Gemeindeforum:
„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ -
Das Kreuz mit dem Heidelberger Katechismus

Zu einem Vortrags- und Gesprächsabend zum Thema „Das Kreuz mit dem Heidelberger Katechismus“ lädt das Reformierte Gemeindeforum Südwestfalen ein. Der Gesprächsabend mit Oberkirchenrat Dr. Martin Heimbucher, Hannover, findet am Donnerstag, 29. März 2012, 18–21 Uhr, im ev. Gemeindehaus der Kirchengemeinde Bad Laasphe, Kirchplatz 20, 57334 Bad Laasphe, statt. In der Pause wird ein Imbiss gereicht.

Im Jahre 2013 feiert die evangelische Kirche das Jubiläum „450 Jahre Heidelberger Katechismus“. Die weltweit am meisten verbreitete reformierte Bekenntnisschrift hat auch in den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein maßgebliche Bedeutung. Gleichwohl führt der der „Heidelberger“, wie er abgekürzt genannt wird, in den Kirchengemeinden und im kirchlichen Unterricht heute eher ein Schattendasein. Zu schwer verständlich, sprachlich überholt, pädagogisch nicht „up to date“ oder theologisch an der einen oder anderen Stelle fragwürdig. So lauten die Vorbehalte gegenüber dem Bekenntnisbuch, das in insgesamt 129 Fragen und Antworten die Grundlagen des christlichen Glaubens aus evangelisch-reformierter Sicht erklärt. Andere Stimmen wurden vor rund 400 Jahren laut. „Unsere Brüder auf dem Festland haben ein Büchlein, dessen Blätter nicht mit Tonnen Gold zu bezahlen sind.“ So erzählten die englischen Delegierten zur großen Synode der europäischen reformierten Kirchen 1618–1619 in Dordrecht nach ihrer Rückkehr zu Hause. Gemeint war der Heidelberger Katechismus, den sie dort kennen gelernt hatten.
Das Reformierte Gemeindeforum will helfen, die Bedeutung des Schatzes „Heidelberger Katechismus“ zu erhellen. Zudem soll in Bad Laasphe, dem Kirchenjahr entsprechend, der Fokus auf die Kreuzestheologie in der Bekenntnisschrift gelegt werden.

Oberkirchenrat Dr. Martin Heimbucher ist seit 2007 Theologischer Referent der Union Evangelischer Kirchen im Kirchenamt der EKD. Nach seinem Theologiestudium in Göttingen und Mainz war er Vikar der Lippischen Landeskirche und wurde von der Universität Göttingen mit einer Arbeit über Bonhoeffer promoviert. Von 1991 bis 1999 war Heimbucher Gemeindepastor in Leopoldshöhe (Lippe) bei Bielefeld und Mitglied im Theologischen Ausschuss der Arnoldshainer Konferenz. Anschließend war er bis 2006 Pfarrer der Evangelische-reformierten Kirche in Bovenden bei Göttingen. Während dieser Zeit saß er dem Ausschuss für Gemeindeaufbau der Evangelisch-reformierten Kirche vor.

Reformiertes Gemeindeforum
Eingeladen zum Reformierten Gemeindeforum sind alle Gemeindeglieder der evangelischen Kirchengemeinden. Das Forum will eine Gesprächs- und Bildungsplattform für ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitende gleichermaßen schaffen. Aber auch Interessierte, die nicht einer evangelischen Kirchengemeinde angehören, sind willkommen. Besonders für die Presbyteriumsmitglieder und Mitarbeitenden in den evangelischen Kirchengemeinden im südwestfälischen Raum soll das Reformierte Gemeindeforum ein Ort sein, wo fundierte theologische Sachinformationen zu Glauben und Gemeindeleben geboten werden. Zudem besteht Gelegenheit, das Gespräch über Gemeindegrenzen hinweg zu pflegen. Das Forum weiß sich dem reformierten Erbe und Bekenntnis verpflichtet. Es müht sich um Vertiefung der geistlichen Erkenntnisse und um Hilfen für den praktischen Dienst in den Gemeinden.

Weitere Informationen sind erhältlich bei Pfarrer Dieter Kuhli, Vorsitzender des Trägerkreises, Tel.: 02752/9293, e-Mail: d.kuhli@t-online.de
kp

 

 

Reformiertes Gemeindeforum am 10.11.2011:
„Was geschieht bei der Taufe? –
Podiumsdiskussion zu Verständnis und Praxis der Taufe in den christlichen Kirchen“

Zu einem Podiumsgespräch über das Thema „Was geschieht bei der Taufe“ lädt das Reformierte Gemeindeforum Südwestfalen ein. Der Gesprächsabend findet am Donnerstag, 10. November, 18–21  Uhr,  im ev. Gemeindehaus der Kirchengemeinde Ferndorf, Ferndorfer Straße 66, 57223 Kreuztal-Ferndorf statt.

In fast allen christlichen Kirchen werden Menschen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes mit Wasser getauft.
Mit der Magdeburger Erklärung kam es 2007 erstmals zu einer formellen Vereinbarung über die wechselseitige Anerkennung der in elf verschiedenen Kirchen in Deutschland vollzogenen Taufen. Vertreter der Kirchen, die die Gläubigentaufe praktizieren, konnten dieser Vereinbarung, die in der evangelischen und der katholischen Kirche dankbar begrüßt wurde, aus theologischen Gründen allerdings nicht zustimmen.
Trotz wichtiger Übereinstimmungen gibt es nach wie vor Unterschiede im Verständnis und in der Praxis der Taufe. 

Was geschieht bei der Taufe, und wie kann sie verstanden werden?
Diesen und weiteren Fragen soll in einem Podiumsgespräch nachgegangen werden. An dem Gespräch beteiligen sich der katholische Pfarrer Martin Assauer,  der Pastor einer freikirchlich-evangelischen Gemeinde Werner Jung, der Pastor einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) Markus Lienhard und die evangelische Pfarrerin Silke van Doorn. Das Gespräch leitet Pfarrer Martin Schreiber.
Zudem berichtet Pfarrerin Kerstin Grünert von ihren Erfahrungen zum Thema Taufe aus dem Kompetenzzentrum für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Ev. Kirchenkreis Wittgenstein.

Während der Abendveranstaltung wird in der Pause ein Imbiss gereicht.

Reformiertes Gemeindeforum
Eingeladen zum Reformierten Gemeindforum sind alle Gemeindeglieder der evangelischen Kirchengemeinden. Aber auch Interessierte, die nicht einer evangelischen Kirchengemeinde angehören, sind willkommen. Besonders für die Presbyteriumsmitglieder und Mitarbeitenden in den evangelisch reformierten Kirchengemeinden im südwestfälischen Raum soll das Reformierte Gemeindeforum ein Ort sein, wo fundierte theologische  Sachinformationen zu Glauben und Gemeindeleben geboten werden und das Gespräch über Gemeindegrenzen hinweg gepflegt werden kann. Das Forum weiß sich dem reformierten Erbe und Bekenntnis verpflichtet. Es müht sich um Vertiefung der geistlichen Erkenntnisse und um Hilfen für den praktischen Dienst in den Gemeinden.
Das Reformierte Gemeindeforum löst die bisherigen Reformierten Konferenzen ab, findet an einem Abend während der Woche statt und will eine Gesprächs- und Bildungsplattform für ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitende gleichermaßen schaffen.
Weitere Informationen sind erhältlich bei Pfarrer Dieter Kuhli, Vorsitzender des Trägerkreises, Tel.: 02752/9293, e-Mail: d.kuhli@t-online.de

Rückblick

Gemeindeforum am 14.04.2011

Was geschieht beim Abendmahl?

Das Abendmahl kulturhistorisch betrachtet
Ungewöhnliche Perspektiven von Peter Wick auf dem Reformierten Gemeindeforum in Siegen

Prof. Dr. Peter Wick
20.04.2011 10:44

Auf eine kulturhistorische Reise in die vorchristliche römische und griechische Geschichte des Mahls am Abend nahm jetzt (14.4.2011) Prof. Dr. Peter Wick seine recht zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer mit. Das Reformierte Gemeindeforum (ehemals Reformierte Konferenz) Südwestfalen hatte ins Evangelische Gemeindezentrum der Christuskirche am Siegener Wellersberg eingeladen, um über Bedeutung und Form des Abendmahls nachzudenken.
Einen eher ungewöhnlichen Einstieg wählte der Theologieprofessor aus Bochum, sich dem Thema zu nähern. Er stellt zunächst fest, dass im Neuen Testament im Bezug auf das Abendmahl nie gottesdienstliches Vokabular verwendet wird. Auch machte er deutlich, dass die Menschen nicht zu Tisch gesessen haben, wie beispielsweise das berühmte Bild von Leonardo da Vinci vermittelt. Selbst Luther übersetzt ungenau, wenn er die Jünger mit Jesus zu Tische sitzen lässt. Die Menschen haben nicht gesessen, sondern gelegen. Und antike Bilder in Pompeji oder das Relief in der Oasenstadt Palmyra zeigen Menschen, wie sie zu Tische liegen. Derart, so Wick, müsse man sich auch ein frühchristliches Abendmahl vorstellen. Bereits seit dem 6. Jahrhundert vor Christus setzte sich in der griechischen Kultur eine stabile Form für die Mahlgemeinschaft durch, die im nächsten Jahrtausend relativ wenig geändert wurde. Der Hellenismus und die Römer exportierte diese Form der Mahlgemeinschaft in einen riesigen Kulturraum. Das Deipnon als das Mahl am Abend (Abendbrot, Nachtessen, Abendmahl) wurde zu einer Hauptform abendlicher Geselligkeit in den Häusern. Nach dem Mahl wurde der Wein in einem Kelch gereicht. Es ist ein Trankopfer an eine Gottheit, das ausgegossen wurde. Damit begann das Symposion, eine Art geselliges Beisammensein, nach dem Deipnon und war allein den Männern vorbehalten. Die Götter (Apollo oder Bacchus) spielten beim Symposion eine große Rolle. Ziel des Symposions war die gegenseitige Unterhaltung durch die Teilnehmer mit Liedern, Gedichten, Reden, Spielen oder auch Wett-Trinken. Tänzerinnen oder Knaben konnten zur Unterhaltung eingeladen sein, Ehefrauen dagegen waren nicht zugelassen. Platon beschreibt ein solches Symposion.
Das Neue Testament belegt, so der Theologe, dass das hellenistische Symposion auch die Mahlsitten und sogar das Pessach-Mahl in Israel prägte.

Der Bericht des Lukas über das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern gibt Aufschluss über die Besonderheit des Zusammenseins im Vergleich zu gewöhnlichen Abendmahlen jener Zeit. Jesus dankte über Brot und Wein. Er gießt kein Trankopfer aus. Trank und Speise erhalten durch den Dank eine besondere Bedeutung. Der Dank schafft Gemeinschaft mit Gott, der das Essen gibt.

Im 1. Korintherbrief (Kap. 11-14) wird die kulturelle Gepflogenheit des Symposions aufgegriffen. Es ist eine durch den Kyrios geprägte Mahlzeit am Abend. Geistesgaben und der richtige Umgang mit denselben prägen das Zusammensein. Frauen dürfen an dem christlich geprägten Beisammensein teilnehmen. Zentrales Thema des christlichen Symposions ist die Agape, die Geschwister-Liebe untereinander, und nicht, wie sonst üblich, der Eros. Es dient nicht mehr der Unterhaltung, sondern der Stärkung der christlichen Gemeinschaft und des Glaubens der Teilnehmenden.
Im Laufe der Zeit wurde das Abendmahl mit Brot und Wein in einer eigenen Form Bestandteil eines Gottesdienstes. Nach reformierter Tradition ist das Abendmahl eine eigene Art der Verkündigung im Gottesdienst. Der Referent regte an, die Abendmahlstheologie neu von der Hausgemeinschaft, der familia Dei, und dem Sättigungsmahl her zu denken.

Lebhaft wurde in Gruppen darüber gesprochen, inwieweit das reformierte Abendmahl zu wenig von dem Gemeinschaftsgedanken geprägt ist. Es wurde von Handhabungen in den eigenen Gemeinden erzählt und dazu ermutigt, andere fröhlichere Formen auszuprobieren, die dem Ursprünglichen wieder näher kommen.
Im Plenum musste der Referent noch etliche Fragen beantworten, die sein ungewöhnlicher Zugang aufgeworfen hatte.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Prof. Dr. Peter Wick zeigte die Kulturgeschichte der Abendmahlsgemeinschaft auf.Konferenz am 6.11.2010,

Kirchenkampf und Bilderverbot
Gedenkveranstaltung der Reformierten Konferenz Südwestfalen



Es war eine schwere und verwirrende Zeit für die Reformierten vor 75 Jahren. Eine Zeit der Klärung und Neuausrichtung im Zuge des Kirchenkampfes. Prof. Dr. Veronika Albrecht-Birkner, Kirchenhistorikerin an der Universität Siegen, erläuterte auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen am 6. November 2010 im Evangelischen Gemeindehaus Altstadt das Kirchenkampfgeschehen im Kontext der Zweiten Reformierten Synode, die vom 26. bis 28. März 1935 in Siegen in der Nikolaikirche stattfand.

Strukturen
„Im Glauben an die eine, heilige, allgemeine Kirche Christi bejahen wir aufs neue die alte Aufgabe des Reformierten Bundes, die nach Gottes Wort reformierte Kirche in Deutschland zu sammeln und zu ihrer besonderen Verantwortung aufzurufen“. Mit diesen Worten eröffnete Hermann Albert Hesse, Studiendirektor des Reformierten Predigerseminars in Elberfeld und Moderator des Reformierten Bundes, am 27. März 1935 in Siegen seinen Vortrag zur Zweiten Reformierten Synode. Das Vortragsthema lautete: „Sammlung der nach Gottes Wort reformierten Kirche in Deutschland im Sinne des Detmolder Beschlusses.“ Mit diesem Thema und dieser Eröffnung, so Albrecht-Birkner, war ein Programm formuliert worden, das in dem besonders für die protestantischen Kirchen seit 1933 zunehmend zermürbenden Kampf um eine existenz- und identitätserhaltende Positionsbestimmung Orientierung bringen sollte. Hatte es doch in den vergangenen zwei Jahren nach Hesses Einschätzung richtige Weichenstellungen aber auch fehlgeschlagene Versuche gegeben, zu einer Sammlung der nach Gottes Wort reformierten Kirche in Deutschland zu kommen. So waren auf einer „Tagung der Freunde des Reformierten Bekenntnisses“ in Rheydt am 17. April 1933 überraschend 1200 Teilnehmer erschienen. Man sah die Zeit eines ganz außerordentlichen Aufbruchs gekommen und war dankbar für eine Regierung, die die Kirche nicht unterdrückte. Angestrebt wurde eine Reichskirche mit einem lutherischen und einem reformierten Zweig. In Siegen kritisierte Hesse dieses Vorgehen, das er selbst mit unterstützt hatte. Man hatte zwischenzeitlich erkennen müssen, dass eine Kooperation mit dem Reichskirchenregiment mitschuldig macht an dessen falscher Theologie und dessen Unrecht und dass somit dem Reichskirchenregiment kein Gehorsam zu leisten sei. Unter den Reformierten hatten sich mittlerweile bei verschiedenen Zusammenkünften unterschiedliche Positionen mit eigenen Leitungsgremien herausgebildet. Es entstanden Oppositionen der Bekenntnisgemeinschaften, die dem Kirchenausschuss gegenüberstanden. Dazu gehörte auch der so genannte „Coetus Reformierter Prediger“ – gegründet im Herbst 1933 auf Initiative des Barmer Pfarrers Karl Immer. Ein Gegenüber zu dem von Martin Niemöller gegründeten Pfarrernotbund.

Anhand seines Rückblicks auf die als falsch gewerteten Entwicklungen seit 1933, in die sich Hesse selbst aufs Engste verwoben sah, versuchte er im März 1935 in Siegen klar zu machen, dass der Zeitpunkt für konkrete Veränderungen in der Reformierten Kirche gekommen sei. Hierzu gehörte für ihn auch die Ablehnung einer fremden finanziellen Abhängigkeit vom Staat. Die in Siegen tagende Freie reformierte Synode wandte sich mit ihren Beschlüssen an alle bekennenden reformierten Gemeinden. Es sind solche Gemeinden, die am Heidelberger Katechismus festhalten oder sich sonst in Besinnung auf ihre reformierte Herkunft und Verantwortung unter Gottes Wort stellen. Beschlossen wurde, dass die „Freien Synoden der bekennenden reformierten Kirche Deutschlands“ schnellstens zusammentreten müssen und wie dies geschehen soll.
Nicht verwunderlich ist es, dass die mit dem Kirchenregiment verbundene Landeskirche die Siegener Synode und ihre Beschlüsse rechtlich und theologisch als illegitim darstellte.

Hermann Barth, Pfarrer in Oberfischbach, rief in seinem Vortrag auf der Freien Reformierten Synode in Siegen dazu auf, gegen den Einbruch des Neuheidentums in die Gemeinde vorzugehen. Unter „Neuheidentum“ wurde die neue rassische Weltanschauung verstanden, die in weitem Maße zu einer neuen Religion der Rasse erhoben worden war.

Für eine eigene Hochschule für reformatorische Theologie sprach sich Wilhelm Niesel, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, aus. Es sollte eine theologische Hochschule sein, die nicht, wie die theologischen Fakultäten, staatlichen Eingriffen ausgesetzt sein würde. Die Hochschule wurde Ende 1935 eröffnet und sofort verboten. Im Untergrund fanden fortan die Vorlesungen und Prüfungen statt. Erst am Beginn der 40-er Jahre verlieren sich die Spuren dieses Lehrbetriebs.

Gottesbilder
In einem zweiten Vortrag ging der Siegener Theologieprofessor Dr. Georg Plasger auf die Predigt Karl Barths in Siegen ein. Sie musste damals aus der überfüllten Nikolaikirche in die Martinikirche übertragen werden. Der Theologieprofessor Karl Barth legte das Bilderverbot aus. Die meisten reformierten Kirchen sind bilderlos und verzichten, zumindest in Deutschland, sogar auf das Kreuz. Heute müssten reformierte Christen diesen Zustand nicht selten in einer Verteidigungshaltung erklären, so Plasger. Barth kehrt die Verteidigungshaltung um: „Wir werden also nicht leicht davon lassen können, auch unsere lutherischen Brüder gelegentlich immer wieder zu fragen: mit welcher Erlaubnis oder auf Grund welchen Gebotes eigentlich sie nun doch ein von Händen gemachtes Bild unseres Herrn und Heilands durchaus auf ihren Altären sehen wollen?“ Und an reformierte Gemeinden gerichtet, die doch Bilder in die Kirche gebracht haben, fragt er an, ob sie „von der Anbringung bunter Fensterscheiben mit allerhand biblischen und symbolischen Darstellungen in ihren Kirchen eine Erhöhung der Schönheit und Erbaulichkeit ihres Gottesdienstes erwarten“?
Karl Barth ging es aber nicht nur um Äußerlichkeiten. Er fragte, welche Ursache dem Wunsch, Bilder von Gott haben zu wollen, zugrunde liegt. Barth: „Kennen wir es etwa nicht: jenes eigenmächtige Formen Gottes zu der Gestalt, in der wir ihn dann nach bestem Wissen und Gewissen unseren Gott sein lassen, in der wir ihn dann nach dem Drang und der Lust unseres Herzens anbeten und ihm dienen wollen?“ Zu solchen Bildern und Gestalten gehören nach Barth auch und besonders wirkungsvoll: Prinzipien, Gedankengebäude und Systeme, Pläne und Programme, Träume und Ideologien, die zur Ehre Gottes entworfen und aufgerichtet werden. Das Grundproblem nach Barth ist, so Plasger, dass der Mensch sich ständig Gottesbilder erdenkt, sich also Gott nach seinen eigenen Vorstellungen entwirft. Und damit eben nicht Gott selber trifft, sondern nur die eigenen Vorstellungen, vielleicht sogar den je eigenen Wunsch. Weil das so ist, müssen wir uns immer wieder fragen und vergewissern lassen, was denn das richtige oder angemessene Reden und Denken von Gott ist.
Georg Plasger erläuterte die Gottesbilder, die 1935 durch die Deutschen Christen um sich griffen. Darunter auch die Vorstellung, einen das deutsche Volk in besonderer Weise würdigenden Gott; ein Gott, der das Führerprinzip beschlossen hat; ein Gott, der die Menschen in unterschiedlichen Rassen geschaffen hat, die nicht zu vermischen sind. Aber auch veränderte reformierte Organisationsstrukturen bergen nach Karl Barth die Gefahr eigener Gottesbilder. Deutlich machte der Bonner Theologe Barth in seiner Predigt, dass Jesus Christus das Ebenbild Gottes ist. Deshalb bedürfe es keiner eigenen Gottesbilder. In Jesus Christus, in der Menschwerdung Gottes, im Sterben Jesu am Kreuz, in der Auferstehung Jesu ist Gott selber so da, wie er ist. Christus ist kein selbstgemachtes Gottesbild, sondern Gottes eigenes Ebenbild.Da ein Mensch aber nicht ohne eigene Vorstellungen von Gott, also ohne Gottesbilder leben kann, deshalb, so rät Barth: „Auch unsere liebsten Gewohnheiten und Überzeugungen haben wir jeden Morgen neu zu prüfen“.
Abschließend fragte Plasger nach heutigen Gottesbildern. Die könnten darin liegen, den Inhalt der Bibel zu einfach und niedrigschwellig und damit womöglich belanglos und harmlos zu machen. Er fragt, ob nicht durch die Liedauswahl in den Gottesdiensten Gott auf ganz bestimmte Melodien festgelegt werde? Und auch die Pfarrerzentriertheit der Gemeinden verhindere es beinahe systematisch, dass Menschen Aufgaben und Verantwortung übernähmen. Damit werde der Leib Christi auf ein bestimmtes Organisationssystem festgelegt – und damit auch Gott selber.

Nach den Vorträgen schloss sich eine lebhafte Diskussion im gut gefüllten Gemeindehaus an.
Mit der Feier des Heiligen Abendmahls in der Nikolaikirche Siegen wurde die Gedenkveranstaltung der Reformierten Konferenz Südwestfalen beendet.
kp

Text zum Bild: (Fotos: Karlfried Petri)


Prof. Dr. Veronika Albrecht-Birkner


Prof. Dr. Georg Plasger

 

 

Rückblick

„Frömmigkeit hat keinen Wert an sich und kann Gott nicht herbeizwingen“
Auf der Suche nach einer reformierten Glaubenspraxis

13.03.2010

Frömmigkeit hat keinen guten Ruf. Fromm sein, wer will das schon? Wer vorgibt fromm zu sein, steht allzuleicht in dem Verdacht, heuchlerisch zu sein.
Was hat es mit dem Frommsein auf sich und ist es etwa dasselbe, was heute allenthalben mit „Spiritualität“  beschrieben wird? Dieser Frage gingen jetzt evangelische Gemeindeglieder überwiegend aus dem Siegerland, aus Wittgenstein und aus dem Dillenburgischen auf der reformierten Konferenz im Evangelischen Gemeindezentrum in der Dautenbach in Weidenau nach. Verbunden wurde die Frömmigkeitsfrage mit der Frage nach einer reformierten Glaubenspraxis.
Als Referent eingeladen war der Theologieprofessor Okko Herlyn aus Duisburg. „Ich habe noch niemanden getroffen, der von sich sagt, ich bin fromm“, so der Theologe zu Beginn mit Bezug auf die negative Besetzung des Wortes.
Dabei war das heute so verschmähte Wort „Fromm“ in der vorreformatorischen Zeit ein rein weltlicher Begriff und hatte keinen negativen Beigeschmack. Es stammt aus dem althochdeutschen „fruma“ und bezeichnete einen sich nutzlich machenden Menschen. Eine Bedeutungswendung erhielt der Begriff während der Reformation. Als Fromm galt, wer vor Gott rechtschaffen ist, der von Gott selbst gerechtfertigte Sünder. „Wir sollen nicht fromm sein, etwas damit zu verdienen“, sagt Luther, sondern nur „um Gottes willen allein.“  Frömmigkeit ist für die Reformatoren nicht eine allgemeine bürgerlich-tugendhafte Einstellung, sondern die Glaubenshaltung eines Christenmenschen in seiner ausschließlichen Bindung an den gnädigen Gott.
Durch den Pietismus, so Herlyn, sei ein anderer Zungenschlag in den Begriff hineingekommen: Das Frommsein als eine Vergewisserung des eigenen Glaubens. Am Frommsein merke, sehe, spüre ich meinen Glauben und den anderer. Frommsein wird zum  Erweis des eigenen Heilsstandes. Ein Gegensatz zum  reformatorischen Denken, so der Theologieprofessor.

Heute boomt Religion – allen aufklärerischen Unkenrufen zum Trotz und hat ein neues Zauberwort mitgebracht: Spirituell.
Beim Sport, in der Rockmusik, beim Film und bei Reiseanbietern erhalten Rituale, Meditation, Kult, Innerlichkeit und Spiritualität eine besondere Bedeutung. Überall entdecken Menschen eine „spirituelle Dimension“.
„Spirituell“ heißt: vermeintlich der Trivialität des Alltäglichen enthoben sein, vermeintlich einer anderen Wirklichkeit näher sein, zu sich selber und damit vermeintlich dem Göttlichen in mir auf die Spur kommen.
Vor 50 Jahren habe Bonhoeffer die Auffassung vertreten, es gehe einer religionslosen Zeit entgegen. Diese Auffassung sei offensichtlich ein historischer Irrtum. Religion sei heutzutage nicht out, sondern in. Man habe allerdings den Eindruck, die Religion boome an der Kirche vorbei. Kirche verliere an Bedeutung. Die Menschen gestalteten ihre eigene Religion. „Was Gott ist, bestimme ich!“ titelte vor einiger Zeit die Zeitschrift „Psychologie Heute“ und reklamierte damit trefflich die religiöse Grundhaltung in Zeiten des Spätkapitalismus: konditioniert auf die Gesetze des Marktes wird nun auch die Religion zum Selbstbedienungsladen.
Hier, so Vermutungen, komme zum Ausdruck, dass die Menschen in der Postmoderne an die Grenzen von Rationalismus und Aufklärung gestoßen sind. Es wird auf das Grundbedürfnis des Menschen nach Kult und Ritual verwiesen oder auf die multikulturelle Gesellschaft, die ein Übriges tue. 

Der Theologe zeigte auf, dass auch in der Bibel eine bestimmte Sehnsucht, ein Suchen nach etwas, das mehr ist als das Hier und Jetzt, einem Verlangen nach einer anderen Wirklichkeit als dem Elend und einer vordergründigen materiellen Bedürfnisbefriedigung beschrieben wird. Als grundsätzlich Suchende, nach einer anderen Wirklichkeit Verlangende, gehen die Menschen der Bibel in die Wüste, steigen auf Dächer und einsame Berge, treffen sich, wie die Frauen von Philippi, am abgelegenen Ufer eines Flusses oder suchen das berühmte Kämmerlein auf. Aber, so Herlyn, „nirgendwo in der Bibel ist ein Lobpreis der Frömmigkeit oder Spiritualität als solcher zu finden. Sehnsucht nach etwas anderem, stille werden, Kontemplation, Opfer, Fasten und Vision haben dort nirgendwo einen Wert in sich, gewissermaßen als psychische Hygiene, sondern sie haben ihren „Wert“ immer nur bezogen auf ein bestimmtes, unverwechselbares Gegenüber, nämlich auf Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erden, dem einen unverwechselbaren Vater Jesu Christi.“ Nur um dieses Gottes willen versammeln sich Menschen zum Gottesdienst. Frömmigkeit/Spiritualität um ihrer selbst willen oder gar zur Steigerung eines bestimmten Lebensgefühls ist nicht Sache der Bibel. Die verschiedenen Glaubenspraktiken bieten lediglich eine Art Raum, eine Bereitschaft, sich Gott auszusetzen. Herlyn: „Wir können Gott nicht durch unsere Glaubenspraxis herbeizwingen. Die biblischen Zeugen wollen in all ihren religiösen Praktiken offenbar nicht mehr, als einem Anderen Einlass gewähren. “

Auf dieses biblische Zeugnis gegründet sieht der Hochschullehrer keinen Grund, dass die Kirche im Spiritualitätsboom mitmischt. „Die Kirche hat diese vermeintlichen Marktchancen nicht nötig, schon deshalb nicht, weil sie sich grundsätzlich nicht an Chancen, sondern ausschließlich an dem ihr von Gottes Wort her Verheißenen und Gebotenen zu orientieren hat.“

Eine reformierte Glaubenspraxis traue nach Luther Gott allein. Sie habe dem Aberglauben zu wehren, jeder und jede können sich seinen Gott und ihre Göttin nach Gutdünken machen. „Was Gott ist, bestimmt weder mein Kopf, noch mein Bauch, weder mein Elend, noch mein Glück, weder meine Verzweiflung, noch meine Sehnsucht. Was Gott ist bestimmt nur Gott.“ Und: „Solange es uns in welchem Frömmigkeitsstil auch immer nicht um den Gott Israels, nicht um den Vater Jesu Christi geht, sind alle spirituellen Übungen leeres Stroh.“
Selbstkritisch stellt er die Nüchternheit und Kargheit reformierter Gottesdienste in Frage, die vielleicht manche Tür zugeschlagen habe. Auch eine reformierte Glaubenspraxis werde neu nach jenen Möglichkeiten zu suchen haben, in denen es zu einer Gottesbegegnung kommen könne.

In der sich anschließenden regen Diskussion wurden insbesondere der anklingenden Pietismuskritik eigene positive Erfahrungen mit der pietistischen Glaubensprägung entgegengehalten.
Und noch etwas wurde deutlich: Nicht auf den Begriff Frömmigkeit oder Spiritualität kommt es an, sondern darauf, mit welchem Inhalt er gefüllt ist.

kp

 

Rückblick:
Der Auftrag der Kirche im Staat
Reformierte Konferenz Südwestfalen zum 75. Jahrestag der Barmer Theologischen Erklärung mit Präses Dr. Alfred Buß

Am Samstag, 19. September 2009, fand von 9 bis 13 Uhr die Reformierte Konferenz Südwestfalen im Jugendheim Erndtebrück, Siegener Straße 18, statt.
Der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen Dr. h.c. Alfred Buß ging, ausgehend von der These V, der Frage nach dem Auftrag der Kirche im Staat nach. Dies ist eine der  bleibenden Herausforderungen der Barmer Theologischen Erklärung.

Vor 75 Jahren wurde die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen verfasst. In ihr wurden 1934 der diktatorische Machtanspruch und die Weltanschauung des nationalsozialistischen Staates und die völkisch-rassistische Irrlehre der „Deutschen Christen“ zurückgewiesen. Jede der sechs Thesen, die auf einen Entwurf von Karl Barth zurückgehen, beginnt mit Bibelworten, gefolgt von einem Bekenntnissatz, der seine aktuelle Zuspitzung in einem Verwerfungssatz falscher Lehre findet.
Über den zeitgeschichtlichen Anlass hinaus hat die Barmer Theologische Erklärung im deutschen Protestantismus richtungsweisende Bedeutung gewonnen. In vielen Kirchen – auch in Westfalen – wird sie zu den Bekenntnisgrundlagen gezählt. Im Evangelischen Gesangbuch ist sie deshalb unter der Überschrift „Bekenntnisse und Lehrzeugnisse“ abgedruckt.


 

Rückblick:

Calvin – die Aktualität eines unbequemen Mannes

Reformierte Konferenz Südwestfalen und Landesversammlung des Evangelischen Bundes in Kredenbach

Die Reformierte Konferenz Südwestfalen tagte am Samstag, 28. März 2009 gemeinsam mit der Landesversammlung des Evangelischen Bundes im Evangelischen Gemeindezentrum Kreuztal-Kredenbach, Eckertswehr 23.

Generalsuperintendent i.R. Rolf Wischnath referierte zu dem Thema: Calvin – die Aktualität eines unbequemen Mannes.

Da sich 2009 zum 500. Mal der Geburtstag von Johannes Calvin (1509–1564) jährt, wollten die Südwestfälische Reformierte Konferenz und der Evangelische Bund Westfalen und Lippe auf einer Tagung gemeinsam über die Aktualität der Theologie Calvins nachdenken. Für reformierte Christen ist die Zentralgestalt des „Calvinismus“ ein offenkundiges Thema. Dem Evangelischen Bund ist es von seinen Anfängen her ein grundlegendes Anliegen, nach der tieferen Einheit des gesamten Protestanismus zu suchen.

Dr. Rolf Wischnath, Gütersloh, ist in den Siegener Gemeinden kein Unbekannter. Er arbeitete von 1975-1980 an der Universität Siegen als Assistent am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ingo Baldermann.Wischnath war von 1995 bis 2004 als Generalsuperintendent für die Leitung des Kirchensprengels Cottbus zuständig und damit Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Kirchenleitung. Zuvor war er ab 1990 Pfarrer und Reformierter Moderator in Berlin-Brandenburg.

Evangelischer Bund

Der Evangelische Bund ist das konfessionskundliche und ökumenische Arbeitswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er wurde 1886 in Erfurt mit dem Ziel gegründet, dem evangelischen Glauben zu mehr Geltung zu verhelfen. Der Evangelische Bund ist in den einzelnen Landeskirchen durch Landesverbände vertreten. Seine wissenschaftliche Zentrale ist seit 1947 das Konfessionskundliche Institut (KI) in Bensheim.Der Evangelische Bund verbindet evangelische Grundorientierung und ökumenische Weite. In dieser Perspektive nimmt er kirchliche und gesellschaftliche Fragestellungen der Gegenwart auf und trägt zur Bewertung aus evangelischer Sicht bei.

Reformierte Konferenz

Eingeladen zur Reformierten Konferenz sind alle Gemeindeglieder. Besonders für die Presbyteriumsmitglieder und Mitarbeitenden in den evangelisch reformierten Kirchengemeinden der Kirchenkreise Hagen, Iserlohn, Siegen, Soest und Wittgenstein sind die reformierten Konferenzen ein Ort geistlicher und fachlicher Zurüstung. Die Konferenz weiß sich dem reformierten Erbe und Bekenntnis verpfichtet. Sie müht sich um Vertiefung der geistlichen Erkenntnisse und um Hilfen für den praktischen Dienst in den Gemeinden.
kp

Rückblick:

„Der freie Gott und die Ordnung der menschlichen Gesellschaft.
Was Johannes Calvin uns zu sagen hat“

Reformierte Konferenz mit Prof. Dr. Eberhard Busch

Am Samstag, 20. September 2008, fand von 9 bis 13 Uhr die Reformierte Konferenz Südwestfalen im Ev. Gemeindehaus Neunkirchen, Hochstraße 54, statt.
Prof. Dr. Eberhard Busch referierte zu dem Thema: „Der freie Gott und die Ordnung der menschlichen Gesellschaft. Was Johannes Calvin uns zu sagen hat“.
Nach dem Vortrag bestand Gelegenheit zur Diskussion. Die Reformierte Konferenz endete mit einem gemeinsamen Mittagessen.

Am 10. Juli 2009 jährt sich der Geburtstag von Johannes Calvin zum 500. Mal. Dieses Datum ist Anlass, auf den Genfer Reformator und die von ihm ausgehenden Wirkungen aufmerksam zu machen.
Besonders für die reformierten Kirchen ist Calvin mit seiner Theologie bestimmend gewesen. Aber seine Bedeutung blieb nicht auf die Reformierten beschränkt. Wesentliche Gedanken, etwa sein Kirchenverständnis oder seine Auffassung von Rechtfertigung und Heiligung, haben alle reformatorischen Kirchen geprägt. Auch der Protestantismus in Deutschland verdankt Calvin und der von ihm ausgehenden Traditionslinie viel. Deshalb werden der reformierte Bund und die Evangelische Kirche in Deutschland eine Reihe von Projekten und Veranstaltungen zum Calvin-Jubiläum gemeinsam durchführen.

Prof. Dr. Eberhard Busch ist emeritierter Professor der evangelischen theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Hier hatte er den Lehrstuhl für systematische Theologie inne. Er ist Leiter des Barth-Institutes Göttingen, Mitglied der Synoden der Ev.-reformierten Kirche und der EKD, der Kammer für Theologie der EKD und Mitglied im Theologischen Ausschuss der Ev. reformierten Kirche.

Rückblick:

OKR Dr. Thorsten Latzel in Bad Laasphe
Heute Entscheidungen treffen für die missionarische Kirche von morgen

Oberkirchenrat Dr. Thorsten Latzel
19.03.2008 15:36

Selbst Orkantief „Emma“ konnte etliche Gemeindeglieder aus den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein nicht davon abhalten, an der Reformierten Konferenz Südwestfalen im evangelischen Gemeindehaus Bad Laasphe teilzunehmen. „Missionarische Gemeinde – heute! Chancen und Aufgaben im Wandel kirchlicher Wirklichkeit“ lautete das Thema, das dem Referenten OKR Dr. Thorsten Latzel, EKD Hannover und gebürtiger Wittgensteiner, gestellt war.
Dass die beiden großen Volkskirchen zu Beginn des dritten Jahrtausends besonderen Herausforderungen gegenüber stehen, ist kein Geheimnis. Demographie, Überalterung der Gesellschaft und zurück gehende Kirchenbindung machen der evangelischen Kirche noch etwas mehr zu schaffen als der katholischen Kirche. Jedes Jahr verliert die evangelische Kirche 285.000 Menschen. Also fast genau so viele, wie die Einwohnerzahl des Kreises Siegen-Wittgenstein. „Die Menschen in unserem Land entdecken neu die Religion – und – die Kirchenmitglieder werden weniger, älter und sozial begrenzter“, skizziert der Referent die Wirklichkeit.
Der Rückgang der Kirchenmitglieder ist zu zwei Drittel bedingt durch demographische Entwicklung. Die Volkskirche ist überaltert. Jede zweite Amtshandlung ist heute eine Trauerfeier. Hinzu kommen die nicht gering zu achtenden Kirchenaustritte, die zumeist in Wellenbewegungen erfolgen, wie beispielsweise Ende der 60er Jahre und nach der Wiedervereinigung. Dem gegenüber treten etwa 65.000 Menschen jährlich in die evangelische Kirche ein oder wieder ein.
Kirchenmitgliedschaft wird heute nicht mehr sozial vererbt, sondern im Laufe eines Lebens zu einer bewussten Entscheidung. Kirchenaustritte sind heute kein Tabu-Thema mehr, weiß der Oberkirchenrat aus Hannover. Latzel: „Meines Erachtens befinden wir uns gegenwärtig in einer Art „Schlüssel-Zeit“, in der sich entscheidet, ob sich die Kirchenaustritte zu dauerhafter Konfessionslosigkeit verfestigen und so im negativen Sinne sozial weiter gegeben werden – oder ob es gelingt, Menschen neu einen Weg zu ihrer Kirche zu eröffnen“. Wenn man davon ausgehe, dass die beiden großen Austrittswellen in den vergangenen 35 Jahren entstanden seien, so hätten diese geschätzten 5 Millionen Menschen noch einen lebensbiographischen Bezug zur Kirche durch Taufe, Konfirmation oder kirchliche Trauung. Diese Menschen böten ein Wachstumspotential, wenn es gelänge, ihnen einen neuen Zugang zur Kirche zu eröffnen, bevor sich die Konfessionslosigkeit verfestigt habe.
Deutlich machte der Pfarrer, dass die evangelische Kirche in einem Bildungsdilemma stecke. Die Kirche sei auf Bildung angewiesen, die Gebildeten kehrten ihr aber den Rücken. Dies habe unlängst die vierte Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD gezeigt. Um die Einstellungen der Kirchenmitglieder besser begreifen zu können, erhebt die EKD im Abstand von 10 Jahren jeweils sehr eingehend das, was die Menschen innerhalb wie außerhalb über Kirche, Glaube und Gott denken. Herausgebildet wurden sechs Typen von Lebensstilen, die unterschiedlich in die Kirche eingebunden sind: hochkulturell, einfach-bürgerlich, jugendkulturell, liberal-urban, praktisch-gesellig und gering gesellschaftlich integriert. Am stärksten ausgeprägt ist eine Austrittsneigung bei den jugendkulturell ausgerichteten jungen Menschen. Latzels Fazit anhand der Untersuchungsergebnisse: Bestimmte Milieus und Lebensstile haben schon jetzt fast keinen Raum mehr in der Kirche. Ihnen sollte sich die Kirche besonders zuwenden.
Anhand von Leitthesen zeigte der Referent auf, vor welchen Herausforderungen gegenwärtig missionarische Arbeit auf Gemeindeebene steht. Alle diese Thesen setzen ein Vertrauen voraus, dass das Leben, Reden und Tun der Kirche, sich gründet auf Gottes Geist, der die Gemeinde Jesus Christi beruft, sammelt, begabt und bis an das Ende der Zeiten erhält. Dies entbinde die Gemeinden jedoch nicht davon, die Einladung zum Glauben und zur Teilnahme am Leben der Kirche zu fördern und zu entfalten. In diesem Vertrauen, so Latzel, müssten heute die Menschen in jeweiligen sozialen Milieus offen wahrgenommen werden. Es gelte, das Evangelium einladend zu bezeugen und biblische Texte sowie kirchliche Traditionen verstärkt im Horizont der Gegenwart und auf klar verständliche Weise neu zu vermitteln. Die „Sprachfähigkeit des Glaubens“, die von der Hoffnung des eigenen Lebens zu erzählen wisse, müsse gefördert werden. Zu den überzeugendsten Botschaften des Evangeliums gehöre das Leben der Glaubenden und der Gemeinde, geprägt vom befreiten, glaubwürdigen Umgang mit eigenen Stärken und Schwächen sowie der unbedingten Annahme Gottes. Dem Gottesdienst komme für den Zuspruch des Evangeliums eine besondere Bedeutung zu. In den Amtshandlungen erführen Menschen in „Schlüsselzeiten“ ihres Lebens kirchliche Begleitung. Die Mitarbeitenden gehörten zu dem größten Schatz, den die Gemeinden besäßen. Sie würden künftig noch stärker an der Vermittlung des christlichen Glaubens beteiligt sein. Dafür bedürfe es jedoch einer Kultur der Anerkennung, Wertschätzung und Förderung.
Zum Schluss gab Thorsten Latzel einige konkrete Hinweise zu verändertem kirchlichen Handeln. Häufig orientiere man sich in der Kirche an der „gefühlten Situation“ und damit an der Binnensicht derjenigen Menschen, die die so genannte Kerngemeinde bildeten. Hier gelte es einen Perspektivenwechsel zu vollziehen und Kirche einmal aus der Sicht der 90 Prozent der Kirchenmitglieder zu sehen, die nicht in der Kerngemeinde auftauchen. Ein Pfarrer habe das bei einer Visitation einmal so ausgedrückt: Ich arbeite in einer Stadt mit 10.000 Einwohnern, 3000 gehören davon der evangelischen Kirche an, ca. 150 Menschen tauchen davon im engeren Kreis der Gemeinde auf, und 10 Menschen legen dann ausgerichtet an den 150 Menschen fest, was die Ziele sind. Aber eigentlich müssten wir doch auf die 10.000 zielen. Latzel: „Wer die eigene Wahrnehmung verändert und über die Ziele der eigenen Arbeit klar wird, der steht damit dann irgendwann vor der Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen darüber, was wir als Kirche tun wollen - und ebenso wichtig: was wir als Kirche zukünftig lassen wollen. Dabei gilt es zu fragen, wie Sie sich in 20, 30 Jahren die Kirche unter den veränderten Rahmenbedingungen wünschen und vorstellen. Und was müssen Sie heute tun, um in Zukunft so oder noch besser dazustehen?“ kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Dr. Thorsten Latzel zeigte in Bad Laasphe auf, was es heute heißen kann, missionarisch Kirche zu sein.

 

Rückblick:

Du bist mein Gott, den ich suche
Mit den Psalmen im Alltag der Kirche leben

 

 

 

 

 

 

 

Fellinghausen, 20. Oktober 2007

Was für einen reichen Schatz die Psalmen der Bibel bieten, erfuhren jetzt die Teilnehmenden der Reformierten Konferenz in der Friedenskirche in Kreuztal-Fellinghausen. Der Trägerkreis der Reformierten Konferenz Südwestfalen hatte zu der Tagung eingeladen, bei der Theorie und Praxis gleichermaßen ihren Raum hatten. Prof. Dr. Thomas Naumann, Alttestamentler an der Universität Siegen, und Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel, Kantor des Kirchenkreises Siegen, hatten sich zusammengetan, um die biblischen Psalmen und die damit in der reformierten Tradition verbundenen Psalmgesänge lebendig werden zu lassen im Hören und im Singen. Der in Siegen bekannte Prof. Ingo Baldermann, Fachmann für die biblischen Psalmen, hat sie als ein Haus bezeichnet, das zum Wohnen einlädt. Diese Einladung überbrachten Naumann und Stötzel gleichermaßen.
Welchen Lebensbezug die Psalmen haben können, hat Rainer Maria Rilke für sich entdeckt: „Ich habe die Nacht einsam hingebracht und ich habe schließlich die Psalmen gelesen, eines der wenigen Bücher, in denen man sich restlos unterbringt, mag man noch so zerstreut und ungeordnet und angefochten sein.“ 

Die Psalmen, so Naumann, sind das Gebetbuch Israels. Sie werden  im Gottesdienst und in Familien gebetet. Als Gebete der jüdischen Menschen in der Nachfolge Jesu wurden die Psalmen auch Gebete der christlichen Tradition. Man findet sie als Anhang der Einzelausgaben des Neuen Testaments ebenso wie im Evangelischen Gesangbuch, das auch als Gebets- und Andachtsbuch dient. Die Psalmen lohnen so gelesen zu werden, dass sie ins Herz dringen. Sie sind keine theologische Lehre oder amtliche Verlautbarung, sondern spiegeln persönliche, lebendige und vielgestaltige Lebenserfahrung. Sie sind ein einziger großer Lobpreis des Gottes Israels.
Über die Sprache der Psalmen, von ihrer Lyrik voller Metapher und Symbole, von dem Sinn hinter dem Sinn und der vieldeutigen Uneindeutigkeit erzählte der Theologieprofessor beispielhaft. Durch ihre sprachliche Offenheit, also nicht auf ein konkretes Ereignis zugespitzt, lassen sie sich in unsere Lebenswelt ziehen.
In den 150 Psalmen kommt die Sprache der Angst und der Gewalterfahrung ebenso zur Geltung wie die Sprache der Dankbarkeit und des Vertrauens auf erfahrene Gottesnähe sowie die Sprache der Freude, des Lobes und der Anbetung.
Prof. Naumann drückte sich nicht vor den schweren, dunklen Teilen der Psalmen, den Feindklagen und Rachegedanken. Sie erscheinen uns fremd, ekelhaft und als Zumutung. Im Gesangbuch sind diese Stellen weggelassen. Rachsucht bewirkt nichts Gutes. Was haben also solche Gedanken in unseren Gebeten zu suchen? Solche Vergeltungswünsche muss man nicht teilen, aber man kann versuchen, sie zu verstehen, so der Theologieprofessor. Hier gehe es um die Lebensangst der Beter, es gehe um Leben und Tod. Der Wunsch nach eigener Lebensenergie drücke sich in diesen Stellen  aus. Es seien die Schrei der Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit. Wer selbst Gewalt in seinem Leben erfahren habe, könne sich in dieses Denken einfinden.
Auch einen praktischen Tipp hat Prof. Naumann parat. Er empfiehlt den Zuhörenden den Tag am Morgen mit Einkehr, Andacht und Besinnung zu beginnen, sich morgens mit dem eigenen Leben in die Arme Gottes zu werfen und so in Gott geborgen in den Tag zu gehen.

Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel zog die Theorie in die Praxis. A capella wurden Psalmen aus dem Evangelischen Gesangbuch ebenso gesungen wie mit Klavier- oder Orgelbegleitung. Darunter nicht nur Texte aus dem für die reformierte Tradition typischen Genfer Psalter aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, sondern auch neuere Texte und Melodien. Sogar eine für die reformierte Tradition fremd anmutende Antiphon, ein Wechselgesang, wie er in Klöstern gepflegt wird, übte Stötzel. Der versierte Musiker wusste in humorvoller Art zu den Tonsätzen die nötigen Hinweise zum Verständnis zu geben. Die Psalmlieder, so erfuhren die Gemeindeglieder, Presbyter und Pfarrer, wurden zur Zeit der Reformation einstimmig gesungen und zunächst nicht auf der Orgel, sondern auf Blasinstrumenten begleitet.

Der Beifall der Konferenzteilnehmenden aus den Kirchengemeinden machte deutlich, dass Referent und Kantor die Zuhörenden erreicht hatten.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)

Bild 1(Großaufnahme)
Psalmen und Psalmgesänge in Theorie und Praxis waren das Thema der Reformierten Konferenz Südwestfalen in dr Friedenskirche in Kreuztal Fellinghausen. Prof. Dr. Thomas Naumann (rechts) bot eine Fülle hilfreicher und interessanter Informationen zu den Psalmen. KMD Ulrich Stötzel (links) übte ausgewählte Psalmgesänge ein.

Rückblick:

Wie die Kirche wachsen kann

Reformierte Konferenz mit Pfr. Dr. Peter Böhlemann

„Eine Kirche, die nicht mehr wachsen will, will nicht mehr Leben“
Pfarrer Dr. Peter Böhlemann auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen

Pfarrer Dr. Peter Böhlemann
12.03.2007 15:34

„Leben bedeutet Wachstum. Eine Kirche, die nicht mehr wachsen will, will nicht mehr leben, sie stirbt. Eine Kirche, die Leib Christi ist, lebt und wächst. Gott hat das Leben für sie gewählt.“ Aufbauend auf diesen Grund entfaltete Dr. Peter Böhlemann, Villigst, jetzt auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen im Zinzendorfhaus der Siegener Erlöserkirchengemeinde vor Presbyteriumsmitgliedern, Gemeindegliedern und Theologen neun Faktoren, die seines Erachtens zu einer wachsenden Kirche beitrügen, wenngleich sich Wachstum unter der Herrschaft Gottes nicht machen ließe. Wachstum bezog er dabei aber nicht nur auf die Menge, sondern auch auf Tiefe und Qualität.

Als einen bedeutenden Wachstumsfaktor nannte der Referent das Ergriffensein von einer Vision für die Gemeinde, entstehend aus biblischen Hoffnungsbildern. Die Kirche lebe nicht von Macht, Einfluss und Kirchensteuern, sondern aus der Wirklichkeit Gottes.
Zudem, so der Theologe, sei die Kirche auf Beziehungen gegründet und gebaut – auf Gottes Beziehungen zu den Menschen und den Beziehungen untereinander. Die Pflege der Beziehungen sei eine lebenserhaltende Maßnahme einer Kirche, die wachsen wolle. Und dies lasse sich am besten in kleinen Gruppen, in Zellen praktizieren, die sich gegenseitig trügen. Solche Zellen teilten sich, wenn sie zu groß würden. So wachse Kirche weltweit. Der Leiter des Pastoralkollegs der westfälischen Kirche plädierte für ein neues Pfarr- und Gemeindebild. Es gehe nicht an, dass der Pfarrer gleichzeitig den Chor leite und mitsinge, die Mannschaft trainiere und die Tore schieße. Es gelte, in den Gemeinden die verschiedenen Charismen zu entdecken und die geistliche Leitungsverantwortung gemeinsam wahrzunehmen. Als Wachstumsfaktor der Gemeinde benannte er Mission und Kultur. Es sei und bleibe Aufgabe der Kirche, so Böhlemann, in alle Welt zu gehen und den Missionsauftrag umzusetzen. Dazu gehöre auch zu lehren. Missionsauftrag und Bildungsauftrag gehörten zusammen. Die Menschen hätten einen Anspruch darauf, zu wissen, zu verstehen und zu erleben was Glauben bedeute. Böhlemann: „Der missionarische Erfolg von Kirche ist nicht primär von Geld und Mitgliederzahlen abhängig. Geld kann wie Doping wirken. Es pumpt kurzfristig die Muskeln auf und ruiniert langfristig die Gesundheit.“ Die Kultur des Evangeliums bezeichnete er als angstfrei, visionär, gastfreundlich und festlich, partizipatorisch und kinderfreundlich.
Besonders betonte der Pfarrer als Wachstumsfaktor geistliche Leitung und Teamarbeit. Dazu gehöre auch, die Bedeutung der biblischen Botschaft für die gegenwärtige Situation und die kirchliche Struktur aufzuzeigen. Geistliche Leitung habe eine Vision von der Richtung, in der sich Kirche entwickele, sie habe eine Inspiration von dem, was Gott wolle. Sie kontrolliere nicht, sondern ermögliche, befähige und setzte frei. Leitung in der Kirche sorge für Transparenz und Kommunikation, achte auf das „Wie“ der Veränderungsprozesse. Sie ermögliche Partizipation und gebe Hoffnung, Richtung und Motivation.
Weitere Wachstumsfaktoren seien die Armut als Herausforderung wahrzunehmen, aber auch Gottesdienste mit ihrer therapeutischen Kraft neu zu entdecken. Der Referent sprach sich dafür aus, behutsam neue Formen auszuprobieren, ohne das Alte aufzugeben. Nicht zuletzt betonte Böhlemann die Macht des Gebetes: „Beten Sie mit und füreinander. Gebet ist nicht unsere letzte Chance, – es ist unsere einzige Chance.“

Nach dem Vortrag war Raum für Rückfragen, Anregungen und Diskussion. Altkirchmeister Erhard Krämer war überzeugt, dass man sich über Strukturen nicht mehr zu unterhalten brauche, wenn die innere Erneuerung nicht gelinge. Altsuperintendent Ernst Achenbach machte deutlich: „Was wir haben, ist das Wort Gottes. Was wir brauchen, sind Geist erfüllte Persönlichkeiten, die das Wort predigen.“ Ergänzend dazu Peter Böhlemann: „Es reicht nicht, nur richtig zu predigen in der Hoffnung, dass dann die Kirchen wieder voll werden. Man muss auch die Lebensgewohnheiten und das Freizeitverhalten der Menschen zur Kenntnis nehmen.“
Superintendentin Annette Kurschus sah eine Gefahr darin, dass innerhalb der Kirche die, die Visionen hätten, gegen die ausgespielt würden, die für die Verwendung des Geldes und die Gestaltung von Strukturen zuständig seien. Beides müsse zusammengebracht werden.

Wohin kann und soll sich die Volkskirche entwickeln? Diese Frage habe sich auch der Kirchenkreis Wittgenstein gestellt, berichtete Pfr. Dieter Kuhli, Vorsitzender der Trägerkreises der Reformierten Konferenz Südwestfalen. Hier sei man zu der Auffassung gelangt, eine mündige Beteiligungskirche im ländlichen Raum anzustreben.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Der gebürtige Neunkirchener Pfarrer Dr. Peter Böhlemann, Leiter des Pastoralkollegs der westfälischen Landeskirche, benannte auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen Faktoren, die kennzeichnend für wachsende Gemeinden sind.


 

Rückblick:

Herbstkonferenz 2006

Reformierte Konferenz
mit Prof. Dr. Michael Weinrich, Bochum

„Auferstehung der Toten.
Von der diesseitigen Hoffnung auf das Jenseits.“

 

Prof. Dr. Michael Weinrich
27.09.2006
Zu ihrer Herbsttagung hatte die Reformierte Konferenz Südwestfalen in das Gemeindehaus Buschhütten eingeladen und mit dem Thema „Auferstehung der Toten. Von der diesseitigen Hoffnung auf das Jenseits“ ein gleichermaßen zentrales wie anspruchsvolles Thema gewählt.
Dabei ging es um das Verstehen des Satzes, den Christen im apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen, wenn sie bekennen „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“
Mit Dr. Michael Weinrich, Professor für systematische Theologie in Bochum und Mitglied im Moderamen des Reformierten Bundes, war ein kompetenter Referent gewonnen worden, der sachkundig und verständlich in die nicht eben leichte Thematik einführte.
Schon in seiner Einleitung machte er deutlich, in welche Richtung Christen zu denken haben, wenn sie über das Thema „Auferstehung der Toten“ nachdenken. Infolge der gesamtbiblischen Überlieferung ist sie strikt zu verstehen als die Tat Gottes, mit der Gott auf den Menschen zukommt, nicht aber als eine dem Menschen innewohnende Möglichkeit oder als eine Wiederherstellung irdischen Glückes. „Es geht bei der Auferstehung der Toten nicht um menschliche Wünsche und Sehnsüchte, sondern um Gottes Absicht.“ Dabei muss der Christ der Tatsache eingedenk bleiben, dass sein Nachdenken und Hoffen auf das Jenseits in den Kategorien des Diesseits geschieht, d.h. dass seine Sprache und Vorstellungswelt unzulänglich sind für das, was ihm in der Botschaft von der Auferstehung der Toten als Hoffnung begegnet. In den christologischen Streitigkeiten der Alten Kirche hatte sich die Lehre durchgesetzt, dass Gott in Jesus Christus tatsächlich Mensch geworden war und nicht nur menschliche Gestalt angenommen hatte. Entsprechend betonte man die Leiblichkeit Auferstehung Jesu Christi, um ihre Wirklichkeit festzuhalten. In der zunehmenden Auseinandersetzung mit Gegnern des christlichen Glaubens meinte man die Wirklichkeit der Auferstehung dadurch sichern zu können, dass man ihre Körperlichkeit hervorhob. Das Interesse an der Leiblichkeit des Auferstandenen verschob sich zu Spekulationen über die Beschaffenheit des Leibes. Dies führte z.B. bei Augustin zu skurrilen Äußerungen, wenn er etwa über Alter, Körpergröße und die Beschaffenheit der Zähne des Auferstandenen spekulierte.
Demgegenüber verbietet sich Paulus jegliche Spekulation über die Auferstehung und den Auferstehungsleib. Er wahrt einerseits die Kontinuität zwischen dem Menschen in seiner irdischen und künftigen Gestalt und betont andererseits die Diskontinuität, indem er darauf besteht, dass es ausschließlich Gott ist, der den Menschen in sein neues Sein ruft. Auch das biblische Bild von dem Weizenkorn, das in die Erde gegeben wird um zu sterben und aus dem schließlich neues Leben erwächst, darf unter keinen Umständen im Sinne eines Automatismus verstanden werden. Die der Natur entnommenen Metaphern sind nur bedingt tauglich für das, was hinsichtlich der Auferstehung und dem ewigen Leben zu sagen ist. Dass ausschließlich Gott in einem Akt der Neuschöpfung die Kontinuität in der Diskontinuität verbürgt, gehört zum Geheimnis des Glaubens, das der Mensch nicht aufbrechen kann und darf. Dieser differenzierte Zusammenhang ist im Laufe der Theologiegeschichte zum Schaden des Auferstehungsglaubens vielfach verlorengegangen. In einem dritten Teil zog Weinrich die Linien seiner biblischen und theologiegeschichtlichen Erwägungen aus in die gegenwärtige Diskussion des Auferstehungsglaubens: Weil der Mensch unter dem Diktat ständig ablaufender Zeit lebt und von ihr beherrscht wird, ist er gezwungen, den Tod als seinen Herrn anzuerkennen. Diesem Herrschaftsanspruch ist mit allen diesseitigen Anstrengungen nicht beizukommen, so dass der Mensch mit der ablaufenden Zeit seiner definitiven Niederlage nur näher kommt. Der ablaufenden Zeit aber und dem Tod, dem der Mensch unterworfen ist, steht die Ewigkeit Gottes gnädig gegenüber. Sie ist folglich nicht die in die Zukunft hinein verlängerte Zeit, die dem Menschen gegeben wird. Sie ist überhaupt kein quantitativer, sondern ein qualitativer Begriff und verweist auf das Anderssein Gottes. In Gottes Ewigkeit findet die Zeit ihre Begrenzung und ihr Ziel. „Auferstehung heißt die Aufhebung der Macht des Todes über das Leben“, sagte Weinrich. Darum hat sie durchaus schon mit unserer Gegenwart zu tun und wird an ihr Ziel kommen, wenn dem bereits triumphierenden Tod seine Macht genommen wird. So steht Zeit nicht im Zeichen einer unbestimmten Zukunft, sondern im Zeichen des Adventes Gottes.
Dieser Denkbewegung auf der Sachebene entspricht die Denkbewegung auf der Erkenntnisebene: So wenig Ewigkeit die Verlängerung menschlicher Zeit in die Zukunft ist, so wenig gibt es einen „Weg von unserer Wahrnehmung der Zeit zur Ewigkeit Gottes“. Der Erkenntnisweg kann nur der sein, „dass uns die Ewigkeit in unserer Zeit erreicht, d.h. in ihr Gestalt annimmt“. Eben dies geschieht im Evangelium, das dem Menschen sagt, dass er „zum Verbleiben in Gottes uns zugewandter Ewigkeit bestimmt“ ist. „Gottes Ewigkeit bleibt nicht für sich, sie hat in Christus unauslöschlich die Gestalt eines Leibes angenommen, um auch uns, die wir alle leiblich sind, unauslöschlich in seine Ewigkeit hinein zu nehmen.“
Im Hören auf dieses Evangelium kann und darf der Mensch das ansonsten Unglaubliche glauben.
Dem ungemein dichten Vortrag folgte eine rege Aussprache, die einmal mehr unter Beweis stellte, dass nicht nur Pfarrer, sondern auch manche Gemeindeglieder nach theologischer Vergewisserung verlangen. Auch in dieser Hinsicht ist die Reformierte Konferenz Südwestfalen derzeit unersetzbar.
Michael Becker

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Dr. Michael Weinrich, Professor für systematische Theologie in Bochum und Mitglied im Moderamen des Reformierten Bundes sprach auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen im Gemeindehaus Buschhütten.

Frühjahrskonferenz 2006

Gemeindeleitung als Dienst am Wort Gottes
Prof. Dr. Otfried Hofius auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen

18. März  2006, Erndtebrück

Prof. Dr. Otfried Hofius

„Gemeindeleitung und Kirchenleitung nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes“ lautete das Thema, das der Trägerkreis der Reformierten Konferenz Südwestfalen dem emeritierten Theologieprofessor Dr. Otfried Hofius gestellt hatte. Der gebürtige Siegener, der heute in Tübingen lebt und dort einen Lehrstuhl für Neues Testament inne hatte, machte anhand ausgewählter Texte aus der Apostelgeschichte und neutestamentlichen Briefen jetzt im Jugendheim Erndtebrück deutlich, was das Neue Testament theologisch zu Leitungsaufgaben ausführt. Er betonte, dass das Leitungsamt in der Kirche auf das Christuszeugnis der Apostel bezogen und an dieses Zeugnis gebunden wurde. Die Apostel selbst sieht der Theologe als vorkirchlich, auf deren „Fundament“ die Kirche gebaut sei, ausgerichtet am „Eckstein“ Jesus Christus. Es sei allein der gekreuzigte und auferstandene Herr Jesus Christus selbst, der die Kirche als ganze wie auch einzelne Gemeinden leite. Dieses Regiment übe er durch Menschen aus, denen er das Amt der Leitung anvertraue. „Leitung durch Lehre“ laute das neutestamentliche Leitungsprinzip. Hofius: „Verantwortliche Gemeinde- oder Kirchenleitung im Sinne des Neuen Testaments geschieht nur da, wo das für die Kirche aller Zeiten und aller Orte verbindliche Christuszeugnis der Apostel Grundlage und Richtschnur des Redens, Handelns, Planens und Entscheidens bildet. Die erste und wichtigste Sorge der zur Leitung Berufenen muss deshalb die sein, dass das Evangelium von Jesus Christus recht verkündigt und gelehrt wird, dass falsche Lehre in Predigt und Unterweisung keinen Raum findet und dass die Glieder der Gemeinde dazu ausgerüstet werden, als mündige Christen jedermann über ihren Glauben Auskunft zu geben und die Wahrheit des Evangeliums von aller Menschenlehre zu unterscheiden.“

Aus der Apostelgeschichte (Apg 14,23; 20,17–38) entnimmt der Theologe, dass die Gemeinden Kleinasiens von „Ältesten“-Kollegien geleitet werden. Die Gemeindeältesten hätten die von Paulus bezeugte Heilsbotschaft weiterhin unverkürzt zu verkündigen und zu lehren. Es werde unmissverständlich ausgeschlossen, dass Gemeindeleitung Ausübung von Herrschaft sein könne. Hofius: „Als Träger der Verkündigung des Evangeliums steht das Amt der Leitung zwar der Gemeinde gegenüber, es ist jedoch keineswegs ein ihr übergeordnetes Amt und verfügt auch nicht über eine Autorität, die zwischen der Gemeinde und den Kyrios Jesus Christus tritt. Der „Gehorsam“, den die Gemeinde der Weisung von Hebr 13, 17 zufolge den mit dem Amt der Leitung Betrauten leisten soll, kann von daher grundsätzlich nur der Gehorsam gegenüber dem von ihnen bezeugten Wort Gottes sein. Er findet deshalb notwendig da seine Grenze, wo Amtsträger Entscheidungen treffen, die vor dem Evangelium nicht verantwortet werden können und wo sie durch Wort oder Tat in einem offenkundigen Widerspruch zu der Wahrheit des Evangeliums und damit zu dem Auftrag des Amtes treten.“ Hofius weiter: „Wann oder wo dies der Fall ist, das zu beurteilen ist die auf das Wort Gottes hörende Gemeinde sowohl berechtigt wie auch befähigt. Denn sie besitzt das Neue Testament, in dem das apostolische Christuszeugnis für jedermann wahrnehmbar seinen gültigen Niederschlag gefunden hat. Sie kann deshalb prüfen, ob ihr in Verkündigung und Lehre dieses Zeugnis ausgerichtet wird und ob das Kirchen- oder Gemeinde leitende Handeln diesem Zeugnis entspricht.“

Anhand Eph 4,7–16 zeigte der Theologieprofessor die Ämter auf, die der auferstandene Jesus Christus eingesetzt hat: Dazu zählten die der vergangenen Gründungszeit angehörenden „Apostel“ und „Propheten“ als das Fundament der Kirche. Dazu zählten übergemeindlich wirkende „Evangelisten“ und in jeder Gemeinde „Hirten und Lehrer“. Sie seien der Gemeinde gegeben, damit in ihr stets das Evangelium laut werde mit der in diesem Textabschnitt beschriebenen Zielsetzung zu der der Aufbau der Kirche, die Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, die Mündigkeit der Gemeindeglieder und das innere Wachstum gehören.
Nach dem Hebräerbrief sollten die Gemeindeleiter die Gemeinde immer neu auf Jesus Christus und das durch ihn eröffnete Heil hinweisen, sie zum Glauben und Festhalten am Bekenntnis ermutigen sowie vor „fremden“, dem Christuszeugnis widerstreitenden Lehren bewahren. Die Autorität der Gemeindeleiter werde durch die Bindung an das Wort Gottes begründet. Die Briefe an Timotheus und Titus machten deutlich, dass Gemeindeleiter „zum Unterricht geschickt“, also ausgebildet sein müssten. Nur denen dürfe das Amt der Gemeindeleitung anvertraut werden, denen eine Verkündigung nach dem Lehrverständnis der kirchlichen Überlieferung am Herzen liege und die willig und fähig seien, die „Wahrheit des Evangeliums“ in Predigt und Lehre darzulegen. Der Ordinierte sei an die apostolische Lehrtradition gebunden. Jesus Christus sei in der Kirche gegenwärtig als der von den Aposteln bezeugte Herr, machte Hofius deutlich. Wo das Evangelium in Treue zu dem apostolischen Zeugnis verkündigt werde, ergreife Christus immer aufs neue selbst das Wort, um seine Person und sein Werk zu erschließen, und durch den Heiligen Geist Menschen zu erleuchten, so dass sie nicht nur zum Glauben an ihn kämen, sondern auch in diesem Glauben erhalten würden. Durch die immer neue Ausrichtung auf das Evangelium werde die Gemeinde dazu ausgerüstet, das zu tun, was Aufgabe aller Gemeindeglieder sei: „die großen Taten dessen zu verkündigen, der euch aus der Finsternis in sein wunder