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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Evangelische Kindertageseinrichtungen
Mit Kindern und Familien Gemeindeleben bauen

07.02.2018 12:26

Die Kindertageseinrichtungen im Evangelischen Kirchenkreis Siegen (EKiKS), ihre Bedeutung im Gemeindeleben, ihre religionspädagogische Aufgabe, ihre Finanzierung, ihr Personal, ihre Herausforderung für das Pfarramt sowie das Presbyterium und nicht zuletzt die Verantwortung als Träger werden in diesem Jahr im Kirchenkreis besonders in den Blick genommen.

Den Auftakt machte eine Klausurtagung des Kreissynodalvorstandes am 20. und 21. Januar  in Haus Nordhelle bei Meinerzhagen. Hinzugezogen waren der Vorsitzende des EKiKS- Leitungsausschusses Pfarrer Günther Albrecht und Pfarrer Stefan König, der nicht nur als Scriba, sondern auch als Vorsitzender des Synodalen Ausschusses für Kindertageseinrichtungen an der Tagung teilnahm. Als Referent eingeladen war der gebürtige Siegerländer Pfr. i. R. Joachim Dietermann, viele Jahre in der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau zunächst zuständig für den Kindergottesdienst und danach 11 Jahre im Fachbereich für Kindertagesstätten tätig.

Welche Bedeutung der Besuch einer evangelischen Kindertageseinrichtung hat, machen die Untersuchungen des Religions- und Kultursoziologen Detlef Pollack deutlich. Die religiöse Erziehung eines Kindes entscheidet maßgeblich darüber, ob man als Erwachsener zur Kirche gehört, an Gott glaubt und Religion in seinem Leben für wichtig hält. Deutlich werde nach Pollack auch, so Dietermann, dass der Anteil der Kirchenmitglieder mit einer religiösen Erziehung dramatisch sinke. Pollack hält es für wichtig, sich vor allem um diejenigen zu kümmern, die noch in der Kirche sind und an ihrem Rande stehen.

Dieses „kümmern“ kann besonders in den Kindertageseinrichtungen erfolgen. Die Kitas bieten nach einer EKD-Erklärung Raum für Kinder und Eltern aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Die werden ganz bewusst eingeladen und nicht nur widerwillig, befristet und kontingentiert geduldet. Dietermann betonte, dass die Kindertagesstätten einen öffentlichen Auftrag hätten zur Betreuung, Erziehung und Bildung aller Kinder im Wohnumfeld und offen seien für alle Kinder.

Wichtig war dem Referenten herauszustellen, dass die Kindertageseinrichtungen zur Kirchengemeinde gehören. So sollten es sowohl die Kirchengemeinde als auch die Erziehenden sehen. Dies setze jedoch voraus, dass sich die Erziehenden als Mitarbeitende in den Gemeinden verstünden, die einbezogen seien in die Kommunikation mit anderen Mitarbeitenden.

Die evangelische Kita sei so etwas wie ein kirchliches Nachbarschaftszentrum und offener Raum, in dem Menschen die Kirche als Ort erfahrbarer Lebens- und dann oft auch Glaubenshilfe erleben könnten.

Er nannte die Kita einen Schatz der Gemeinde, die auch in dieser Arbeit ihre Taufverantwortung wahrnehme. Die Mitarbeitenden der Kita trügen durch ihre Arbeit an der Nahtstelle von Kirche und Gesellschaft dazu bei, dass Kirche nicht nur mit Pfarrerinnen und Pfarrern identifiziert werde.

Unumstritten, so Dietermann, sei die Existenz evangelischer Kindertageseinrichtungen jedoch nicht. In der gesellschaftlichen Öffentlichkeit müsse immer wieder begründet werden, warum die Kirche die Trägerschaft von Kitas übernehme. Es bestehe nämlich der Vorwurf der Indoktrination und der reinen Mitgliederwerbung. Zudem werde Religion mit Fundamentalismus in Verbindung gebracht.

Joachim Dietermann: „Die Evangelische Kirche muss deutlich machen und in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit kommunizieren, dass religiöse Bildung nicht Teil einer Mitgliederwerbung- und -gewinnung ist, sondern in Freiheit, Offenheit und Verantwortung um der Menschen willen geschieht.“ Er bezog sich auf Holger Ludwig, der darstellt, dass religiöse Bildung der beste Schutz vor Fundamentalismus ist.

Der Referent hob hervor, dass Kinder ein Recht auf Religion hätten. Sie bräuchten Religion für ihre eigene Entwicklung. Daher müssten besonders die lebensbejahenden biblischen Traditionen öffentlich deutlich gemacht werden.

Er verweist auf den evangelischen Theologen und Religionspädagogen Friedrich Schweitzer, der die fünf großen Fragen benennt, die jedes Kind in die Kindertageseinrichtung mitbringt. Sie lauten: Wer bin ich und wer darf ich sein? (Die Frage nach mir selbst.) Warum musst du sterben? (Die Frage nach dem Tod.) Wo finde ich Schutz und Geborgenheit? (Die Frage nach Gott.) Warum soll ich andere gerecht behandeln? (Die Frage der Ethik.) Warum glauben manche Kinder an Allah? (Die Frage der anderen Religionen.)

Für Dietermann heißt das in der Praxis: „Wo Evangelisch drauf steht, wird das Religiöse, werden die religiösen Fragen der Kinder nicht ausgeklammert, sondern selbstverständlich thematisiert, gestaltet, gefeiert – aber eben in Offenheit und Respekt gegenüber der Vielfalt von Glaubenden.“ Dies geschehe in der Hilfs-, Lern- und Festgemeinschaft der Einrichtung, wo man aufeinander angewiesen sei.

Das evangelische Profil einer Kindertageseinrichtung versteht Dietermann in erster Linie als Qualitätsmerkmal. Dietermann: „Mit Profil meinen wir nicht nur das, was uns von anderen unterscheidet, sondern dass, was für uns wichtig ist.“ Als Kernpunkte evangelischer Kita-Arbeit nannte er fachliche Qualität, offene Beziehungen, Angebot einer christlichen Lebensorientierung, die Begegnung mit anderen Religionen, die Solidarität mit den Schwachen und das Zusammenleben mit der Evangelischen Gemeinde.

Eine besondere Rolle hat der Pfarrer in der Kita. Dietermann ist davon überzeugt, dass die religiöse Bildung der Kita in der Hand von Leitung und Team liegt und nicht in der Hand des Pfarrers. Dietermann: „Wenn die Leitung sagt, unsere Religionspädagogik findet freitags von 10-11 Uhr mit unserem Herrn Pfarrer statt, dann stimmt etwas nicht.“

Die Aufgabe des Pfarrers sieht er in der Wertschätzung der Kita und des Personals, in der theologischen Beratung oder in Angeboten für Familien oder dem Feiern von Gottesdiensten. Er kann für Vernetzung sorgen, sollte Kontakte pflegen, Projekte in der Kita mit begleiten und damit sichtbar sein. Hilfreich für das gemeindliche Miteinander wäre eine jährliche Klausurtagung mit Presbyterium und Kita-Team.

 

In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde deutlich, dass die Kitas, wenn sie von EKiKS betreut werden, allzu leicht nicht mehr als Teil der Gemeinde verstanden werden. Sie gelten als abgegeben. Als hilfreich wird es angesehen, wenn die Mitarbeitenden am Gemeindeleben teilnehmen. Bemängelt wird, dass es keine Standards der Kommunikation zwischen Kita, Gemeinde und Kirchenkreis gebe. Vieles werde dem Zufall überlassen. Dem soll stärker entgegengewirkt werden. Inhalte benötigten Struktur. Auch daran müsse gearbeitet werden.

Gewicht soll auf die inhaltliche Profilierung gelegt und Material zur Verfügung gestellt werden. Hier könnten Lern-Module entwickelt werden. So müssten die Kirchengemeinden das Rad nicht immer wieder neu erfinden.

kp

 

Der Kreissynodalvorstand des Ev. Kirchenkreises Siegen auf der Klausurtagung in Haus Nordhelle. Die evangelischen Kindertageseinrichtungen werden in den Blick genommen.

 

Pfr. i. R. Joachim Dietermann schöpfte bei seinem Vortrag aus seinen reichhaltigen Erfahrungen und Kenntnissen.

 

Jan Siegismund, Sandra Röcher und Nina Stahl sind in unterschiedlichen Funktionen für die Kita-Arbeit im Ev. Kirchenkreis Siegen verantwortlich.
Fotos: Karlfried Petri


 

Evangelische Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Siegen
Zahlen Daten Fakten

45 Kindertageseinrichtungen inmitten der Kirchengemeinden werden derzeit vom Trägerverbund Evangelische Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Siegen (EKiKS) betreut. Hinzu kommen noch sieben Kitas, für die Kirchengemeinden die volle  Verantwortung haben.

Für alle diese Kindertageseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft gilt, dass die Finanzierung nicht mehr auskömmlich ist. 1,5 Mio. Euro jährlich lassen sich Kirchenkreis und Gemeinden die Kita-Arbeit aus Eigenmitteln kosten, also zusätzlich zu der Refinanzierung aus Mitteln des Staates. Jedes Jahr erhalten die Einrichtungen 3% mehr Geld vom Staat. 80% davon werden für die Personalkosten der Mindestpersonalbesetzung benötigt. Deutlich stärker erhöhen sich jedoch die Ausgaben. Für dieses Jahr musste der Kirchenkreis 45.000 Euro aus Rücklagen einplanen, um den Haushalt auszugleichen. Geld, das den Gemeinden an anderer Stelle fehlt, wo doch auch dort schon der Gürtel so eng geschnallt ist, dass es weh tut. Und in den nächsten Jahren wird die Rücklagenentnahme deutlich höher ausfallen, wenn die stattliche Finanzierung nicht neu konzipiert und berechnet wird. Schon jetzt ist abzusehen, wann den ersten Kitas die Luft, sprich das Geld ausgeht.

Insgesamt werden in den 45 Kitas in EKiKS derzeit 2397 Kinder betreut, davon sind 490 Kinder unter drei Jahre alt. 1231 Kinder sind evangelisch, 113 Integrationskinder besuchen die Einrichtungen und 130 Flüchtlingskinder. Insgesamt kommen die Kinder aus 63 Herkunftsländern. 1380 Kinder werden über Mittag betreut.

Rund 600 Mitarbeitende, darunter nur 20 Männer, betreuen diese Kinder. Der Evangelische Kirchenkreis Siegen als Arbeitgeber wird offensichtlich wert geschätzt. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer liegt bei 12 Jahren, das Durchschnittsalter der Mitarbeitenden bei 42 Jahren. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt im Durchschnitt 24 Stunden. 30% der Arbeitsverträge können nur befristet abgeschlossen werden wegen Elternzeiten, Sonderurlauben, Stundenreduzierungen oder befristet bewilligten Fördermitteln.

Eine besondere Herausforderung ist der aktuelle Fachkräftemangel weiß Nina Stahl, Geschäftsführerin von EKiKS. Der Kirchenkreis Siegen sucht Mitarbeitende für die Kindertageseinrichtungen. Noch schwerer sind derzeit Leitungsstellen zu besetzen.

Kurzfristig einen Platz in einer Evangelischen Kindertageseinrichtung zu ergattern ist nicht einfach. Die Wartelisten in den einzelnen Einrichtungen sind lang. Es gibt zu wenige Einrichtungen. Die Geburtenrate ist wieder steigend. Zusätzliche Kitas sollen errichtet werden. Der Evangelische Kirchenkreis Siegen und die Kirchengemeinden sehen sich derzeit kaum in der Lage, weitere Trägerschaften zu übernehmen.

kp

 

Nina Stahl, Geschäftsführerin von EKiKS stellte eindrucksvoll dar, wie umfangreich und vielfältig sich Kita-Arbeit in den Einrichtungen gestaltet.
Foto: Karlfried Petri


 

Meine Meinung
Kindertageseinrichtungen –
bedingungslos ins Leben lieben

Gott kommt zur Welt, klein, arm, unscheinbar, als hilfloses Kind. Wie wir auch in die Welt kommen. Klein, arm, unscheinbar, als hilflose Kinder, die Hilfe benötigen. Wir brauchen Nahrung, ein ordentliches Bett, und, genauso wichtig, Menschen, die uns bedingungslos ins Leben lieben. Nur so können wir Urvertrauen und Bindungsfähigkeit entwickeln. Es gehört noch mehr dazu: Schutz, Struktur, ein geregelter Tagesablauf, klare Regeln und Orientierung, Vermittlung von Werten und Strategien zur Lösung von Konflikten.

Viele Familien sind aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, die erforderliche Hilfe ausreichend zu gewähren. Viele Familien benötigen Unterstützung von außen. Ich weiß darum aus meiner Arbeit als Sozialpädagogin im Fachdienst ambulante Erziehungshilfen der Sozialen Dienste. Die ganze Bandbreite von Verwahrlosung und Gewalt bis zur Überbehütung kommt da vor. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz schreibt fest, dass Eltern und Kinder ein Recht auf Hilfe zur Erziehung haben. Auch die evangelischen Kindertageseinrichtungen, die für alle Kinder aus unterschiedlichen Herkünften da sind, gehören zur familienergänzenden öffentlichen Erziehungshilfe. Wir brauchen evangelische Kindertageseinrichtungen, weil wir damit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllen.  Weil Kinder in unseren evangelischen Kindertageseinrichtungen auf kindgerechte Weise biblische Geschichten kennenlernen, miteinander beten, singen, Kindergottesdienste  und Familiengottesdienste feiern. Weil Eltern und die ganze Familie dadurch als Teil der Gemeinde wahrgenommen werden und diese Familien die Chance erhalten, sich selbst als Teil der Gemeinde wahrzunehmen. So können sie vielleicht einen Zugang zum christlichen Glauben finden. Wir brauchen evangelische Kindertageseinrichtungen, weil wir eine gute Botschaft für die Welt haben.

Die Arbeit mit den Eltern bekommt dadurch einen besonderen Stellenwert. Für viele Eltern sind die Erzieherinnen  Ansprechpartnerinnen, deren Rat und Unterstützung sie suchen in persönlichen, pädagogischen und familiären Fragen. Und das ungeachtet des kulturellen Hintergrundes, der Religionszugehörigkeit oder der Nationalität. Wir können sie aus unserem Glauben heraus unterstützen. Ich wünsche unseren Gemeinden solche Kindergärten, wo genau dies geschieht. Es ist unsere Aufgabe. Auch hier gilt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25, 40) Wir sind gefragt, wo Menschen Hilfe brauchen und sei es nur ein gutes Wort.

Helga Hoffmann,
Mitglied im Kreissynodalvorstand des Evangelischen Kirchenkreises Siegen

 

Hellga Hoffmann, KSV-Mitglied und Sozialpädagogin im Fachdienst ambulante Erziehungshilfen der Sozialen Dienste

Foto: Karlfried Petri


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